ON THE WAVE: Interview mit den Regisseuren Peter Wolf und Axel Gerdau

ON THE WAVE: Interview mit den Regisseuren Peter Wolf und Axel Gerdau

Sebastian Steudtner – in der Surfszene hört man mittlerweile auch auf der Profiebene immer wieder deutsche Namen. Das war allerdings nicht immer so, und dass diese hyperkompetitive und oft von Ego dominierten Branche kein Zuckerschlecken ist, davon kann der gebürtige Nürnberger ein Liedchen singen. Er hält den Weltrekord für die größte jemals gesurfte Welle (26,21 Meter im portugiesischen Nazaré) und hat dreimal den Award für die größte Welle des Jahres gewonnen. Seine Geschichte erzählt von Extremen, Rekorden, dem Festhalten an Träumen und dem Streben nach Glück. Ein Weg, der über Höhen und Tiefen von Nürnberg über Hawaii bis nach Nazaré geführt hat und nun von BROADVIEW Pictures dokumentarisch festgehalten wurde. Filmpremiere ist am 2. März 2026 in Köln. In die Kinos kommt der Film ab dem 5.3.2026.

Folgendes Interview mit den Regisseuren von On The Wave, Peter Wolf und Axel Gerdau, wurde uns freundlicherweise von Boxfish Films zur Verfügung gestellt. 

Herr Wolf, Herr Gerdau, wie waren die ersten Schritte auf dem Weg zu diesem Film? 

Peter Wolf: Ein gemeinsamer Bekannter von Sebastian Steudtner und unserem Produzenten Leopold Hoesch hatte Sebastian kennengelernt und war fasziniert von ihm und seiner Geschichte. Er kannte auch die Sportdokumentationen von BROADVIEW und stellte Ende 2020 Kontakt zwischen Leopold und Sebastian her, und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Denn in der Tat, wenn man sich die Bilder und Videos seiner Wellenritte ansieht, sind diese einfach spektakulär und faszinierend. Hinzu kommt Sebastians Biografie, die einfach ein sehr spannender Stoff für einen Kino-Dokumentarfilm ist.

Axel Gerdau: Ich habe zu dieser Zeit schon in New York gelebt, aber gerade in Deutschland an einer Doku-Reihe für das amerikanische Fernsehen gearbeitet. Wegen der Pandemie gab es keine akute Notwendigkeit, nach New York zurückzukehren, und so habe ich mich ein wenig auf dem deutschen Doku-Markt umgesehen und Leopold Hoesch kontaktiert, um mehr über BROADVIEW-Produktionen wie Nowitzki und Kroos zu erfahren. Wir hatten ein sehr nettes Gespräch, und kurze Zeit später schrieb mir Leopold, dass sie vielleicht etwas für mich hätten. Das war zu einem Zeitpunkt, als sich Leopold und Peter schon darauf verständigt hatten, diesen Film anzugehen, aber noch jemanden suchten, der ein Treatment dazu schreiben könnte – das war dann meine erste Arbeit am Film. Ich hatte 2005 Riding Giants von Stacy Peralta gesehen, ein Dokumentarfilm mit Laird Hamilton über die Erfindung des Tow-In Surfens, und war seitdem nicht nur begeistert vom Big Wave Surfen, sondern auch angefixt, selbst einmal einen solchen Film zu drehen – gar nicht zwingend über das Surfen per se, aber Riding Giants war so hochwertig gemacht und so mitreißend erzählt. Es ging um das Spiel mit Naturgewalten und die Überschreitung von Grenzen, das hat mich nachhaltig beeindruckt. Jetzt, 20 Jahre später, tatsächlich an einem Film wie ON THE WAVE beteiligt zu sein, noch dazu mit Laird Hamilton, ist fast unglaublich.

PW: Hinzu kommt, dass Sam George, der gemeinsam mit Stacy Peralta das Buch zu Riding Giants geschrieben hat, einer der Gesprächspartner in unserem Film ist.

Sie haben Dokumentarfilme wie Nowitzki und Kroos angesprochen. Was macht nun einen Sebastian Steudtner interessant für einen dokumentarischen Blick?

PW: Sebastian Steudtner ist, ähnlich wie Dirk Nowitzki, Toni Kroos oder auch ein Bernhard Langer oder Edwin Moses, einer der weltweit Besten seines Sports. Er hat die größte jemals gemessene Welle gesurft und ist ,inoffizieller Surf-Weltmeister‘. Das ist sehr beachtlich, reicht aber allein noch nicht aus, um einen solchen Film zu rechtfertigen. Dafür braucht es mehr – und bei Sebastian war das in erster Linie seine außergewöhnliche Geschichte: fernab von jeder surfbaren Welle aufgewachsen zu sein, so jung dem Wasser und dem Surfen zu verfallen und um die halbe Welt zu reisen, um den eigenen Traum zu verfolgen. Das gepaart mit dieser absolut spektakulären Sportart, die filmischer ist als viele andere, weil man mit großen Bildern und auch einem entsprechenden Ton arbeiten kann, wie es sonst bei Dokumentarfilmen kaum möglich ist. Es machte absolut Sinn, das für die große Leinwand zu erzählen. Dokumentarfilm darf Spaß machen und unterhalten und dabei trotzdem auch in die Tiefe gehen und berühren. All das war in diesem Stoff enthalten. Hinzu kommt, dass Sebastians Geschichte der breiten Öffentlichkeit bislang noch kaum bekannt ist. 

Sebastian Steudtner in Nazaré (by Broadview Pictures)

Und wie haben Sie Sebastian Steudtner dann kennengelernt – wie würden Sie ihn beschreiben?

AG: Ähnlich wie die anderen bereits genannten Persönlichkeiten zeichnet auch ihn aus, dass er außergewöhnlich diszipliniert ist und eine unheimliche Gewissheit dessen hat, was sein Ziel ist und wie er es erreichen möchte. Alles andere stellt er hintan. Diese ,Singlemindedness‘, wie die Amerikaner es nennen, ist schon beeindruckend. Ich kann mich erinnern, wie jemand im Rahmen unserer Gespräche zum Film gesagt hat ,Sebastian ist nicht als Team bekannt‘ – und ja, er ist definitiv jemand, der seinen eigenen Weg geht. Jemand mit einer sehr starken Persönlichkeit.

PW: Ich finde ihn als Person wahnsinnig spannend und würde ihn ganz ähnlich beschreiben – als sehr konsequent bis hin zu kompromisslos allen anderen aber auch sich selbst gegenüber. Seine Schwester Johanna beschreibt im Film, wie ihn seine Zeit auf Hawaii zum Teil unnachgiebig und hart gemacht hat. Klar, er geht über alle Widerstände hinweg seinen Weg bis an sein Ziel. Und wäre ohne diese Eigenschaft ganz sicher nicht dort, wo er nun ist, gerade bei seinem Sport, der ja durchaus sehr gefährlich ist. Und wenn man bedenkt, welche Rückschläge er erlitten und welche Ablehnung er erfahren hat – trotz all dem immer weiterzumachen, das muss man erst einmal schaffen.

Sebastian Steutner beim Training (by Broadway Pictures)

Wie kam es zur Auswahl der weiteren Gesprächspartner? Zu Wort kommen auch eine ganze Reihe in der Surfwelt prominenter Persönlichkeiten. 

PW: Gesetzt waren natürlich seine Familie, seine ,Ziehfamilie‘ auf Hawaii und enge Surfpartner wie Tom Butler. Von ihnen erhalten wir im Film sehr persönliche Informationen über Sebastian, gerade auch aus den Jahren seiner Kindheit und Jugend und seinen Anfangsjahren als angehender und professioneller Surfer. Auch an jemandem wie Bill Sharp, dem Veranstalter des XXL Awards, kommt man nicht vorbei, wenn man Sebastians Geschichte erzählen möchte. Hinzu kommt dann jemand wie Matt Warshaw, der Außenstehenden vielleicht nicht viel sagt, in der Surfgemeinde als Surfhistoriker aber ein sehr hohes Ansehen hat.

AG: ...oder natürlich Sam George, den wir schon in Bezug auf Riding Giants angesprochen hatten – und den wir für ON THE WAVE tatsächlich auch über Laird Hamilton gewinnen konnten. Sam George ist ja fast eine Art „Surf-Philosoph“ und eine unheimliche Bereicherung für den Film, weil er das große Ganze einordnet. Entscheidend war für uns aber letzlich, Laird Hamilton himself zu bekommen. Er ist nicht nur eine Ikone des Big Wave Surfens, sondern auch der einzige, den Sebastian als sein Vorbild nennt. Mit ihm hat für Sebastian alles angefangen, als er ihn, gerade nach Hawaii gekommen, am Jaws surfen sah.

Diese Flexibilität hat sich ausgezahlt – gerade die Surf-Sequenzen des Films sind sehr eindrucksvoll. Wie genau sind diese Bilder entstanden?

PW: Zunächst einmal wollten mit unserem eigenen Kameramann Johannes Imdahl, der als Kameramann viele unserer Kinofilme geprägt hat und mit dem ich ein fast intuitives Verständnis habe, selbst Bilder großer Wellen und Wellenritte in Nazaré drehen. Das haben wir auch geschafft – das sind Bilder, die vom Strand oder von der Klippe aus entstanden sind. Die Bilder auf dem Wasser und in den Wellen wiederum haben Spezial-Kameraleute gemacht, die selbst ehemalige Surfer sind und das seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten tun – das sind Aufnahmen von Laurent Pujol und Tim Bonython, Korpyphäen ihres Fachs, die zu den erfahrensten und besten Surf-Kameraleuten überhaupt gehören.

Hinzu kommen Aufnahmen, die schon älter sind, sich aber ganz natürlich in den Film einfügen. Woher stammt dieses Material?

PW: Hierzu muss man zunächst sagen, dass Sebastian bzw. auch seine Familie sehr früh angefangen haben, Sebastian zu filmen und das Material zu archivieren. Angefangen beim Urlaub in der Bretagne, bei dem er im Alter von zehn Jahren das erste Mal mit einem Bodyboard in den Wellen zu sehen ist – hier sind wir quasi bei der Geburtsstunde seiner Surf- und Wasserpassion dabei. Als er in Nürnberg mit dem Windsurfen angefangen hat, hat er sich auch da schon früh auf Mini-DV filmen lassen. Und auf Hawaii hat er dann begonnen, systematisch alles zu drehen und akribisch zu archivieren. Es gibt Jahre, für die es für fast jeden Tag Material gibt. Entsprechend viel ist hier zusammengekommen – ein Jahr vor Schnittbeginn haben wir von Sebastian etwa 40 Terabyte an selbstgedrehtem Material erhalten und dies im Team gesichtet. Hinzu kam eigenrecherchiertes Archivmaterial von unserem Archive Producer Torben Bockelmann oder von Spezialisten u.a. in LA, darunter etwa Bilder von der Big Wave Award Preisverleihung von Bill Sharp oder Material von anderen Surf-Koryphäen. Dieses Archiv zu erfassen und den Anspruch zu erfüllen, dass wir wirklich alles sichten, war neben den Drehs mit unseren Gesprächspartnern die zweite große Herausforderung dieses Films.

AG: Der Hintergrund für diese unglaubliche Materialfülle seitens Sebastian ist schlicht, dass der Wert dieses Sports in seinen Bildern liegt. Man nimmt an Wettbewerben wie dem Big Wave Surf Award nur teil, wenn man entsprechende Bilder vorweisen kann – wenn man die größte Welle der Welt surft, aber keiner hat es gefilmt, dann ist das quasi nichts wert.

Sebastian Steudtner und das Oberhaupt seiner hawaiianischen Gastfamilie Nelson Armitage, Sr. 
(by Broadview Pictures)

Sehr interessant sind auch die Ausflüge in die Geschichte des Surfens. Insbesondere die Konkurrenz der Surfer untereinander wird dabei für den ein oder anderen ein überraschendes Thema sein. 

AG: Im Surfsport ist das auf jeden Fall ein Thema, alle Surfer haben einen Blick dafür und es wird umso offensichtlicher, je attraktiver die Wellen werden. Sebastian hatte uns schon in Vorgesprächen von diesem ,Localism‘ erzählt, der in seinem Fall bedeutete, dass er als deutscher Windsurfer auf Hawaii ein Außenseiter war, für den es schwer war, Zugang zu den richtig guten Surfspots zu bekommen. Bis er von einer hawaiianischen Familie ,adoptiert‘ wurde – und er dann surfen durfte, wo er wollte. Verdichtet in der Person Sebastian zeigt sich dieser ,Localism‘ also sehr gut, aber auch die anderen Surfer haben uns davon berichtet, etwa Laird Hamilton. Das Problem beim Surfen ist einfach, dass es nur eine begrenzte Anzahl guter Wellen bei einer gleichzeitig wachsenden Anzahl von Surfern gibt – Neulinge oder von außerhalb kommende Surfer machen dann die Erfahrung, dass einheimische und am Surfspot erfahrene Surfer sie verdrängen bzw. sie sich hinten einreihen müssen, bis auch sie mal eine gute Welle abbekommen. An normalen Surfspots ist das lediglich eine Frage der Geduld und Ausdauerfähigkeit, an Spots wie Nazaré kann es dagegen richtig gefährlich werden, wenn sich zu viele Surfer auf zu engem Raum bewegen, noch dazu, wenn sie vielleicht nicht so erfahren sind.

PW: Mir war dieser Aspekt neu. Ich hatte die romantische Vorstellung, dass das große Meer für alle da ist und jeder surft, wo er möchte. Tatsächlich haben sich dann aber gleich beim ersten Filmfestival in Brest Mitglieder der Surfszene explizit bei uns bedankt, dass wir diesen Aspekt mit erzählen. Das Thema betrifft und beschäftigt uns alle. Tja, und darüber haben wir uns sehr gefreut, weil klar wurde: Wir haben es geschafft, einen Big-Wave-Film zu machen, der sowohl eingefleischte Surfer mitreißt als auch Zuschauer ohne Erfahrung in den Wellen, die einfach mit Sebastian und uns auf Abenteuerreise gehen wollen.