Ist es unmoralisch, eine Welle zu Geld zu machen? Grant „Twiggy“ Baker und Greg Long verschacherten 2016 die Koordinaten eines bis dahin unbekannten Surfspots für eine sechsstellige Summe an Rip Curl. Und die kreierten dadurch eine der erfolgreichsten Content-Marketingkampagnen der Surfgeschichte
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Wem gehören Wellen? Locals schreien jetzt: „Uns!“ – aber was, wenn es eine perfekte Welle gibt, die keine Locals hat? Ein Point, der mitten im Nirgendwo der afrikanischen Atlantikküste liegt und der nur äußerst selten läuft? Du weißt wo und du weißt wann. Du hast diese Welle immer wieder besucht und nur deinen besten Buddy mitgenommen. Du brauchst Geld, um deine Träume zu verwirklichen. Würdest du den Spot verraten, wohlwissend, dass er dadurch zu einer Surf-Destination wird? Grant Baker, bekannt als „Twiggy“ und als einer der besten Big-Wave-Surfer des letzten Jahrzehnts, hat es getan.
Twiggy ist heute 51 Jahre alt und surft noch immer die größten Wellen der Welt: Jaws, Mavericks, Dungeons. Nicht umsonst ist der Südafrikaner dreimaliger Weltmeister der Big-Wave-Worldtour. Der Hawaiianer Billy Kemper, ebenfalls Big-Wave-Weltmeister, beschreibt Grant Baker in einer Doku des Stab Magazine so:
„Twiggy schafft es, aus jeder Gelegenheit, die sich ihm bietet, den letzten Dollar herauszuholen. Ich respektiere diese Einstellung. Die Surfindustrie ist gnadenlos und man braucht seine Skrupellosigkeit, um von ihr leben zu können.“
Twiggy arbeitete jahrelang als kleiner Sales Rep für die großen Surfbrands, der Aufstieg zum Big-Wave-Pro gelang ihm erst in seinen 30ern mit dem Sieg beim Mavericks Contest 2006. Wie kam es also dazu, dass er anfing, Surfspots zu verkaufen? Twig erzählt: „Ich suche seit Jahrzehnten nach unbekannten Wellen in Afrika und kenne einige Spots, die ich immer noch alleine surfe, höchstens mit ein paar Freunden. Das sind Spots, die ich nie verraten würde.“ Doch dieses eine Mal war es anders. „Oh ja, die Mick-Fanning-Welle“, lacht er im Stab-Interview. „Unglaublich, dass Mick diese Welle ganz allein gefunden hat...“

Die Rede ist von einer der berühmtesten Entdeckungen der Surfwelt, die von Micks Sponsor Rip Curl in einem Youtube-Clip unter dem Titel „The Snake“ vermarktet wurde, weil sich dieser perfekt barrelnde Pointbreak wie eine Schlange über die Sandbänke windet. Twiggy und sein Buddy Greg Long, Big-Wave-Legende aus San Clemente, fanden diesen Spot durch Google-Earth-Recherche. „Wir träumten immer davon, eine Welle wie Namibias Skeleton Bay zu finden – nur als Rechte. Afrika bekommt so viel Swell ab, wir mussten nur nach einer geeigneten Bucht suchen. Nach vielen Expeditionen standen wir vor etwa zehn Jahren dann an dem Spot. Es war nur hüfthoch, aber die Welle barrelte perfekt den Point entlang. Wir sahen das Potenzial und kamen immer wieder.“ „Greg und ich surften dort viele Jahre zu zweit“, erinnert sich Twiggy. „Wenn einer von uns verhindert war, auch mal ganz alleine.“
Doch langsam kamen die ersten Gerüchte auf, denn die Szene der Surfer, die permanent auf der Jagd nach den besten Wellen rund um den Globus sind, ist klein und der Spot braucht die gleichen Swells wie Skeleton Bay. „Wir trafen immer wieder Bekannte am Flughafen von Johannesburg oder Kapstadt, die nach Namibia wollten und sich wun- derten, dass wir nicht im gleichen Flugzeug saßen“, lacht Greg.
„Uns wurde klar, dass wir dieses Geheimnis nicht mehr lange für uns behalten konnten“, erzählt Twiggy. „Und wir wollten unbedingt den Menschen aus dem angrenzenden Dorf helfen, damit sie von ihrem Spot profitieren, bevor er exposed wird. Also beschlossen wir, die Koordinaten an den Meistbietenden zu verkaufen.“
Twiggy versuchte es bei Kelly, doch der lehnte ab. Der nächste auf der Liste war Mick Fanning, den er beim J-Bay Contest ansprach. Fanning erinnert sich: „Twiggy erzählte mir von diesem perfekten Righthand Pointbreak. Er meinte, wenn meine Sponsoren anbeißen, dann darf ich den Spot auf einen Namen meiner Wahl taufen. Dann zeigte er mir ein Video auf seinem Handy. Ohne mir die Datei zu schicken oder mir irgendwelche Details zu geben, zeigte er es mir ein einziges Mal und das war's. Ich war begeistert und rief Neil Ridgway an, den Rip Curl Boss, und sagte ihm: „Let’s do it!“. Es folgten Verhandlungen um den Preis für das gesamte Package, bestehend aus Forecast, Guiding und einem Filmer – der letzten Endes Greg selbst war. Die genaue Summe ist nicht bekannt, aber sie wird im niedrigen sechsstelligen Bereich liegen, wenn man Greg und Twiggys Äußerungen analysiert. Rip Curl zögerte, weil Twiggy darauf bestand, dass nur Neil und Mick mitkommen dürfen und er und Greg die gesamte Organisation übernehmen, um die Kontrolle zu behalten. Doch als ihnen Baker schließlich eine Geld-zurück-Garantie bei Nichtgefallen versprach, willigte die Greg schließlich ein.
Mick Fanning brauchte zwei Stunden, bis er die Geschwindigkeit der Welle verstanden hatte. Von da an lief’s.
Eines Tages war es so weit: „Twig textete mir: ‚Nächste Woche läuft der Spot – willst du los?‘, erzählt Mick. „Wir besorgten schnell die Visa und die Flugtickets, und Greg und Twiggy holten uns am Flughafen ab. Am nächsten Morgen stand ich in der Dunkelheit und meine Hände zitterten vor Aufregung. Als wir rauspaddelten, bin ich fast durchgedreht. Zwei Kilometer lange Barrels – unglaublich. Die ersten vier Runden bekam ich nicht eine Welle, nur Closeouts. Ich sah Twiggy immer wieder in der Tube an mir vorbeifliegen und bat ihn schließlich, sich neben mich zu setzen, doch er lachte nur: „Das musst du schon alleine schaffen!“. Nach einigen Stunden verstand ich den Spot dann und begann endlich zu surfen. Letzten Endes war es einer der besten, wenn nicht sogar der beste Surftrip, auf dem ich jemals war.“
Und einer der finanziell erfolgreichsten – sowohl für Twiggy und Greg als auch für Rip Curl.
Der Clip „Ain’t no Wave Pool“, den die Brand unter ihrem „The Search“-Logo produzierte, sorgte weltweit für Schlagzeilen und wurde bis heute über eine Million Mal geklickt. Im Film selbst wurden die charakteristischen Elemente der Umgebung wie Landzungen, Häuser, Boote mit Hilfe von CGI-Technik entfernt, um die Suche nach dem Spot zu erschweren. Trotzdem gab es in den Monaten nach der Veröffentlichung kein heißeres Thema, als Google Earth Pins mit den vermeintlichen Koordinaten in Chatforen und Blogs auszutauschen. Twiggy blickt zurück: „Was haben wir getan? Ich hätte nicht gedacht, dass es im Internet so explodieren würde, es war ein unglaubliches Echo“. Doch ein schlechtes Gewissen haben die beiden Entdecker nicht, denn ein Teil des Gewinns wurde an die Local Community ausgeschüttet: „Zunächst mal haben wir ein Müllentsor- gungs-System installiert, damit die Einwohner den Strand und ihre Umgebung sauber halten können“, erzählt Greg. „Dann haben wir bedürftigen Kindern Schulausrüstung gekauft und die Schule mit Büchern versorgt. Ein Mann bat mich, ihm Geld zu geben, damit er sich Ziegen anschaffen kann. Ein paar Wochen später schickte er mir dann Bilder von seiner Ziegenherde.“Dennoch bleibt die Frage: Ist es unmoralisch, Wellen gegen Bezahlung publik zu machen?
Billy Kemper meint: „Wo ist das Problem, Geld von einer großen Marke wie Rip Curl zu nehmen?“ Auch Darren Handley, Mick Fannings Shaper und Gründer von DHD Surfboards, sieht kein Problem: „Twiggy hat die ganze Arbeit gemacht und seine Zeit investiert, er hat das Recht, die Welle zu taufen – oder dieses Recht zu verkaufen.“ Matt Meola gibt zu bedenken, dass eine so gute Welle ein fast unbezahlbarer Schatz ist: „Je älter ich werde, um so mehr wird mir klar, dass solche Secret Spots Gold wert sind. Es müsste schon eine sehr große Summe sein, damit ich das Privileg, dort mit Freunden zu surfen, aufgeben würde.“ Twiggy sieht keine Gefahr, dass der Spot überrannt wird: „Diese Welle ist so zickig. Wenn sie läuft, ist sie fantastisch. Aber die Chance, dass du den ganzen Weg umsonst machst, ist sehr groß. Das wird niemals eine populäre Surf-Destination.“
Beginnt durch die Veröffentlichung der Geschichte jetzt vielleicht eine neue Ära professioneller Surf-Scouts? In einer Zeit, in der kaum noch jemand vom Sponsoring durch Surfbrands leben kann, müssen Surfer kreativ werden, wenn sie normale Jobs vermeiden wollen. Es ist durchaus vorstellbar, dass sich Traveller dafür bezahlen lassen, an exotischen Orten nach neuen Wellen zu suchen. Sei es für Werbekampag- nen wie die rund um „The Search“ oder auch für reiche Surfer, die viel Geld aber zu wenig Zeit haben, um sich selbst auf die Suche zu machen.
Credits
Text: Jens Steffenhagen
Fotos: Rip Curl

