Eine kleine, unscheinbare Gemeinde am Ufer des Mississippi bezahlt den Preis für unseren Komfort im kalten Wasser. Fotojournalist Lewis Arnold reist in die Todeszone der Neoprenindustrie und konfrontiert uns mit einer bisher verschwiegenen Wahrheit.
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Dieser Artikel erschien im Blue Yearbook #2o. Gedruckt lesen sich solche Storys immer noch am besten. Alle Yearbooks kannst du ganz bequem in unserem Online Shop kaufen.
Anmerkung der Redaktion: Durch den mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm The Big Sea (2024) rückten die Filmemacher und Surfer Lewis Arnold, Chris Nelson und Demi Tayler die Schattenseite der Surf- und Neoprenindustrie ins Rampenlicht. 2025 gab es nach jahrelangen Protesten endlich Grund zur Hoffnung für die Anwohner. Nachdem sie gerichtliche Zustimmung auf ihre Klage erhielten, wurde die Fabrik endgültig geschlossen. Den Trailer zur Doku findet ihr am Ende des Artikels.
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Im Spätherbst meiner Fotojournalismus-Karriere vertraute mir eine ehemalige Kollegin eine unveröffentlichte Geschichte an, die ihr schwer zusetzte. Seit einigen Jahren verfolgte sie für The Guardian eine zutiefst beunruhigende Spur, die sich quer durch die Surfwelt zog und in einer unvorstellbaren, fortwährenden Tragödie endete.
Entlang der Ufer des Mississippi schlängelt sich ein Schwerindustriegebiet, das sich mit der Zeit den Spitznamen „Cancer Alley“ verdient hat. In den Gemeinden innerhalb dieser „roten Zone“ wurde ein nie dagewesener Anstieg an chronischen und lebensbedrohlichen Krankheiten verzeichnet.
Im Zentrum des Elends befindet sich die Stadt Reserve in Louisiana, genauer gesagt ihr Stadtteil St. John the Baptist. Der heruntergekommene Arbeitervorort liegt im Schatten des Denka-Performance-Elastomer-Komplexes. Die weitläufige Chemiefabrik, früher vom Skandalkonzern DuPont betrieben, ist der einzige US-Hersteller von Chloropren, dem Hauptbestandteil der Neopren-Herstellung.
Der Surfkosmos dehnt sich seit Jahren immer weiter aus und alle, die daran auf die ein oder andere Weise teilhaben, betrachten das Wachstum mit Wohlwollen. Der Zustrom muss schließlich mit entsprechender Hardware verwertet werden, und daraus lässt sich Profit schlagen. Die Schaumstoffkerne, die Fiberglasmatten, das Epoxidharz und das gerade für uns Nordsurfer so unerlässliche Neopren sind jedoch stark von Petrochemikalien und toxischen Herstellungsprozessen abhängig.
Es gibt so viele verschiedene Zugänge zum Wellenreiten – olympische Disziplin, Gegenkultur, spirituelle Befreiung, Einheit mit der Natur –, und eines sollte allen gemein sein: Die Verpflichtung zum Erhalt der Umwelt. Doch wenn es um Konsum geht, scheint diese Verantwortung vollkommen vergessen. Besonders paradox ist dabei, dass inzwischen zwar nachhaltige Alternativen auf dem Markt sind, diese aber von vielen Unternehmen und Verbrauchern gleichermaßen ignoriert werden.

Seit Jahren protestieren die Bewohner von Reserve gegen die gefährlichen Emissionen der Denka-Chemiefabrik. Hier wird Chlorophen, ein Hauptbestandteil von Neopren, hergestellt. Doch selbst die steigende Anzahl an Krebserkrankten ist für die US-Umweltbehörde kein Grund, den Konzern in seine Schranken zu weisen.
Ob es nun an den höheren Kosten liegt, an der vermeintlich schlechteren Qualität oder an mangelnder Aufklärung, die Apathie gegenüber Umweltbelangen hält sich hartnäckig, und das Surfen selbst, wir alle mit inbegriffen, ist Teil des Problems. Wenn die Nachfrage nach billigem Neopren steigt und sich die Marken kontinuierlich unterbieten, dann bezahlt irgendwo irgendwer den Preis dafür.
In den Surfshops wird an Wetsuit-Ärmeln gezerrt und über die neueste Technologie gefachsimpelt, aber wer macht sich wirklich Gedanken über die Arbeitsbedingungen in den Fabriken oder über die chemischen Herstellungsprozesse?
Die gesamte Industrie hat diese Menschen, die oft an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, bisher übersehen. In der „Cancer Alley“ haben diese Umstände zu bitteren, anhaltenden Spannungen zwischen den betroffenen Anwohnern, der Industrie und der Regierung geführt. Es sind Orte wie St. John the Baptist, in denen unterprivilegierte Menschen die Konsequenzen der kapitalistischen Ausbeutung tragen müssen.
Im Laufe der Jahre habe ich, als lebenslanger Nordsurfer, eine Vielzahl von Neoprenanzügen gekauft und verschlissen. Wie vielen anderen bleibt mir als Erklärung bestenfalls mein eigenes Unwissen. Ein Zustand, der durch die Surfmedien auch nicht gerade herausgefordert wurde. Über die produktfokussierte Thematisierung von nachhaltigen Alternativen zu Neopren oder Schaumstoff geht die Berichterstattung selten hinaus. Die Informationslage ist gelinde gesagt undurchsichtig. Seitdem ich einen Blick hinter die Kulissen werfen konnte, beschäftigt mich vor allem eine Frage: Bin ich mitschuldig?
Der Versuch, diese Frage zu beantworten, führte mich nach Louisiana. Ich nahm mir vor, mit einer Fotoreportage den unsichtbaren Protagonisten dieser Tragödie ein Gesicht zu geben.
Das „Death Alley“-Projekt ist meine unabhängige Antwort auf die Verbindung zwischen unser aller großer Leidenschaft und der grausamen Realität um DuPont/Denka.
Ich wurde offen und herzlich empfangen und war mit vielen Einwohnern in Kontakt. Drei Gespräche mit direkt Betroffenen sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Im Folgenden möchte ich diese drei Menschen, die in dieser Geschichte bisher keine Stimme hatten, zu Wort kommen lassen.
Laetitia Taylor, Anwohnerin
„Ich bin in Reserve geboren und aufgewachsen – ganz in der Nähe der DuPont/Denka-Fabrik. Als das Werk gebaut wurde, muss ich ungefähr vier Jahre alt gewesen sein. Wir waren gerade in die Nachbarschaft an der East 26th Street gezogen, wo wir auch heute noch leben. Im Prinzip bin ich mit dem wachsenden Schatten dieses wuchernden Komplexes aufgewachsen.
Seit ich mich erinnern kann, war es schon immer Gesprächsthema, dass Menschen plötzlich jünger starben und all diese Krankheiten hatten.
Bei meiner Großmutter wurde Knochenkrebs diagnostiziert. Es schien, als würden Menschen an Dingen sterben, von denen wir vorher nicht gewusst hatten. Und dann kam die nächste Generation und die nächsten Erkrankungen.

Laetitia
Die Veränderung der Todesursachen und die Zunahme ungewöhnlicher Krankheiten war in unseren Gemeinden und Familien über Jahrzehnte das vorherrschende Thema. Wir alle waren überzeugt davon, dass es an den Chemikalien lag, aber wir waren machtlos. Was konnten wir schon gegen diese unbezwingbaren Firmen unternehmen? Also lebt man einfach sein Leben, blendet den Gestank aus und denkt kaum noch darüber nach, dass man jeden Tag vergiftet wird.
Wer sich jetzt wundert, warum wir nicht einfach von hier wegziehen, versteht unsere Lage nicht. Zur Flucht fehlen uns die finanziellen Mittel. Fast alle, die weiterhin hier leben, tun das, weil sie nicht die Möglichkeit haben, alles zusammenzupacken und vor etwas davonzulaufen, das uns nach und nach alle umbringt.
Dieser Staat schert sich nur um die Interessen des Kapitals. Entlang dieses Flusses sind wir die Ärmsten und haben somit keine Stimme. Unterdrückung hat hier Tradition. Was mit unseren Vorfahren und den Plantagen begann, wird jetzt einfach durch Industrieanlagen fortgesetzt.
Und wofür? Wofür müssen wir dieses ganze Leid über uns ergehen lassen? Ich bin mir relativ sicher, dass die wenigsten wirklich über die Auswirkungen der Neopren-Produktion Bescheid wissen. Die wenigsten Surfer wissen wahrscheinlich, wo das Material für die Herstellung ihrer Neoprenanzüge herkommt. Es kommt aus Louisiana, aus der ‚Cancer Alley‘. Hier sterben Menschen an giftigen Emissionen und Chemieabfällen. Menschen, die nicht weiter entfernt von einem solchen Lebensstil und vom Zugang zu solchen Freizeitaktivitäten sein könnten.“
Geraldine Watkins, Gemeindemitglied von St. John the Baptist
„Ich stand eines Tages auf der Veranda, nicht lang nach dem Bau des Hauses. Meine Jasminbüsche waren mit Ruß bedeckt, mein Auto war mit Ruß bedeckt, der ganze Hof war mit Ruß bedeckt. An manchen Tagen ist das ganze Haus von dem verschlungen, was auch immer da draußen ist. Und nachts kann man zu bestimmten Zeiten keinen Fuß vor die Tür setzen. Es setzt sich in den Augen, der Nase, im Rachen fest. Es brennt höllisch, raubt dir den Atem. So ist das Leben an der Zaunlinie des Denka-Geländes. Ohne die geringste Ahnung, was auf dieser leeren Parzelle gleich nebenan entstehen würde, haben wir unser gesamtes Vermögen in dieses Grundstück, dieses Haus, gesteckt. Und seitdem müssen wir trotz und mit den giftigen Emissionen irgendwie leben – inzwischen fast 50 Jahre lang.
Geraldine
Mit der Zeit haben wir einiges gelernt.
Zum Beispiel, dass das Werk für 99 % der landesweiten Chloropren-Verschmutzung verantwortlich ist. Laut der Environmental Protection Agency (EPA) entspricht das mindestens einer 400-fachen Überschreitung der annehmbaren Obergrenze für Krebsrisiko.
Und dieselbe Behörde hat es anschließend nicht für nötig gehalten, einen gesetzlichen Grenzwert für Chloroprenemissionen festzulegen. Hier werden wissentlich Menschenleben für synthetischen Kautschuk geopfert – für die Dichtung von Schläuchen, für Anglerhosen und ja, auch für Neoprenanzüge.“
Robert Taylor, Gründer der „Concerned Citizens of St. John“
„Die gesamte Entwicklung der Anlage, die ersten Vorfälle, der schleichende Zerfall unserer Heimat – ich habe alles miterlebt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es mich persönlich betraf. An jenem Abend kam ich etwas später nach Hause. Der beißende Rauch hatte sich wie eine Dunstglocke über unseren ganzen Häuserblock gelegt. Meine Frau wurde sehr krank, der Notdienst kam sofort. Die Sanitäter waren sichtlich schockiert – von den äußeren Umständen und dem Zustand meiner lieben Frau. Doch sie erklärten uns, dass man wohl nichts gegen die Emissionen unternehmen könne, weil Denka einer der größten Steuerzahler der Region sei und somit praktisch Immunität von der Regierung bekäme.

Robert
Etwa einen Monat nach diesem Vorfall berief die EPA eine Dringlichkeitssitzung ein, um uns über ihre aktuelle Studie zu informieren. Die Befunde waren erschütternd: Kein Ort der Gemeinde war frei von Karzinogenen. Also auch nicht die Grundschule, die 1500 Meter von der Zaunlinie entfernt ist. Vielmehr wurden wir in Kenntnis gesetzt, dass diese Kinder einer Chloropren-Konzentration ausgesetzt waren, die sämtliche Normwerte sprengte. Aus dieser Sitzung heraus beriefen wir unsere Organisation ein, die ‚Concerned Citizens of St. John‘.
Wir haben es uns zum Ziel gemacht, unsere Gemeinde zu schützen, aber vor allem wollen wir unsere Grundschulkinder aus dieser schrecklichen Situation befreien. Wir begannen im Jahr 2016, und bis zum heutigen Tag stoßen wir überall nur auf Widerstand.
Die Schulbehörde bekämpft uns, die lokale Regierung leitet Verfahren gegen uns ein, und das Umweltministerium des Staates Louisiana ignoriert alle unsere Bemühungen.
Dabei ist alles, was wir mit unserer Initiative erreichen wollen, saubere Luft. Man sollte meinen, dass so etwas zu den Grundrechten zählt. Wir lernten jedoch schnell, dass die Entscheidungsträger eher am Schutz des Großkapitals als an der Umwelt und unserer Gesundheit interessiert sind.
Dass wir es hier mit einem besonderen Fall von Umweltrassismus zu tun haben, zeigt sich an der Entwicklung meiner Heimat. Als ich aufwuchs, war Reserve mehrheitlich Weiß – eine Arbeiterstadt der unteren Mittelschicht. Mit dem Bau des Werkes begann die große Migration, und im ersten Jahr nach der Inbetriebnahme lebten vielleicht noch zwei weiße Familien im Bezirk. Geblieben sind diejenigen, die keine Wahl haben. Geblieben sind ausschließlich Afroamerikaner. Die Aussichtslosigkeit unseres Überlebenskampfes ist bei weitem kein Zufall. Es erschreckt mich daher umso mehr, dass unser Leid für das Vergnügen anderer in Kauf genommen wird. Und ganz besonders, dass sich seit dem Bekanntwerden der Fakten kaum etwas im Konsumverhalten dieser Menschen geändert hat. Wo bleibt das Entsetzen? Wo bleibt der Boykott solcher Produkte? Wo bleibt das Umdenken? Bisher nehmen wir hier ein kollektives Schulterzucken wahr. Doch wir geben die Hoffnung nicht auf. Was bleibt uns auch anderes übrig?“
Wir alle treffen Entscheidungen. Manche dieser Entscheidungen haben Konsequenzen – und unbekannte Dritte müssen diese dann tragen. Doch Robert, Geraldine und Laetitia sind mehr als eine Randnotiz.
Wie können wir es uns erlauben, weiterhin wegzusehen? Als Surfer haben wir uns immer wieder für den Umweltschutz engagiert, uns für den Schutz der Ozeane eingesetzt und Organisationen wie die Surfrider Foundation oder Surfers against Sewage gegründet. Es ist an der Zeit, dass wir uns selbst hinterfragen.
Die Corona-Pandemie hat die Nachrichtenagenda praktisch ausgelöscht. Hat die zügige Rückkehr zur vermeintlichen „Normalität“ wirklich Priorität? Oder sollten wir versuchen, während dieser erzwungenen Neukalibrierung Alternativen endlich ernst zu nehmen? Sollten wir uns nicht trotz der Flut an tragischen Nachrichten gerade jetzt der Apathie gegenüber sozialen Ungerechtigkeiten und Umweltbelangen widersetzen? Die unbequeme Wahrheit darf nicht länger ignoriert werden. Nach allem, was wir 2020 durchgemacht haben, sollten wir mit den Fakten umgehen können. Und Fakt ist, dass die meisten Neoprenanzüge mit einer Aufschrift versehen sein sollten, auf der steht: „Neopren, hergestellt aus Chloropren, das eine kleine Gemeinde in Louisiana vergiftet.“
Wo bleibt das Entsetzen? Wo bleibt das Umdenken? Ich gebe die Hoffnung nicht auf!
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Fotos: Lewis Arnold
Text: Lewis Arnold | Übersetzung: Jan Blaffert
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