Der Schwedische Pro-Surfer Freddie Meadows hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die seltenen Momente flüchtiger Perfektion in den nordischen Meeren zu dokumentieren. Dabei geht er bis ans Limit – und manchmal darüber hinaus.
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Dieser Artikel erschien im Blue Yearbook #24. Gedruckt lesen sich solche Storys immer noch am besten. Alle Yearbooks kannst du ganz bequem in unserem Online Shop kaufen
Am Ende des Artikels könnt ihr euch die Reportage im Videoformat zu Freddies Entdeckungstrips anschauen. Rán: a Scandanavian Surfing Saga - by Morgan Maassen.
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Was sich da vor ein paar Wochen am Polarkreis abgespielt hat, ist nicht das Ende meiner Geschichte – doch wenn es so wäre, ginge das in Ordnung. Mir ist bewusst, wie das klingt. Ich habe lange gerungen, um zu verstehen, was mir diese Welle bedeutet. Mit genügend Abstand kann ich sagen: Mein ganzes Leben lief auf diesen Moment hinaus. Das klingt mystisch und genau so meine ich es. Lasst mich also versuchen, es zu erklären.
Prolog
Ich bin in letzter Zeit ziemlich nostalgisch, denke viel darüber nach, was für eine wilde Tour es bis hierhin war. Früher habe ich erst auf Teletext den Wetterbericht gecheckt und dann zwei Neos übereinander getragen, Spülhandschuhe über Woll-Handwärmer gezogen und sie dann mit Duct-Tape abgedichtet. Heute jage ich mit Nic von Rupp, Andrew Cotton und Morgan Maassen Swells bis in arktische Fjorde. Dabei ist meine Karriere ein einziger Widerspruch: Der erste Pro aus Schweden, einem Land ohne echte Wellen. In meiner Nische, fernab der Industrie und Contests, warte ich hauptberuflich auf die Perfektion, die es vielleicht gar nicht gibt. Die Welt kann durch die Augen eines Surfers ganz schön begrenzt wirken. Man schließt ganze Länder aus, reduziert andere auf Küsten und Flughäfen. Nach dieser Logik sollte man Schweden meiden. Und wenn du da aufwächst, kannst du alles sein, nur kein Surfer.

Dunkel, stürmisch, frostig. So sieht in den meisten Fällen die baltische Realität aus. Die Kunst ist es, auch diese Momente zu schätzen. | Foto: Morgan Maassen
Dabei ist die schwedische Küste wie fürs Surfen gemacht – wenn man mal die Swells außen vor lässt. Wir haben unzählige Buchten, Pointbreaks, Inseln, Riffe und sogar Slabs. Das Potenzial ist unglaublich und genau das macht die Faszination, diese Anziehungskraft aus. Seit meiner ersten Welle in der Ostsee bin ich wie besessen. Jahrelang fanden die besten Sessions in meinem Kopf statt. Ich brütete übe Wetterkarten, Landkarten, Bathymetriekarten, und so entstand über die Jahre eine lange Liste an möglichen Spots. Doch bevor ich mich auf die Suche machen konnte, musste ich besser werden – viel besser. Sobald ich mit 16 legal die Schule verlassen konnte, zog ich nach Portugal zu den Lipkes, Freunde meiner Familie. Hier rechnete ich mir aus, dass ich meine verlorene Schwedenzeit aufholen könnte, indem ich einfach doppelt so hart trainierte, doppelt so oft rauspaddelte und doppelt so lang im Wasser blieb. Insgesamt habe ich sechs Jahre auf der WQS damit verbracht, mich von einem Event zum nächsten zu kämpfen und mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen.
Meine Contest-Karriere nahm ihr Ende, als der Ruf der Heimat zu laut wurde und ich die langersehnte Rückkehr nicht länger aufschieben konnte – zum Entsetzen meiner Sponsoren und Unterstützer.
Wild entschlossen mich zu beweisen, verbrachte ich Tage und Nächte im Wald, auf der Suche nach der perfekten Welle. Ich fand sie nicht auf Anhieb, aber das spielte keine Rolle. Ich war zu Hause. Jeder erklärte mich für verrückt. Dann, in der letzten Nacht, zog der Sturm abrupt vorüber. Zum hundertsten Mal hastete ich den Forstpfad hinunter, doch dieses Mal war alles anders. Vor mir brach eine Welle, die es in der Ostsee eigentlich nicht geben dürfte. Eine angsteinflößende, druckvolle linke Slab. Ich nannte sie „Valhalla“. Diese Entdeckung war der Startschuss für den Rest meines Lebens und gleichzeitig Geschenk und Fluch.
Aus Potenzial und Hirngespinsten war Realität geworden. Jetzt war ich dazu verdammt, diesen flüchtigen Momenten für immer hinterher zu jagen, Surfer sind ohnehin anfällig für Fantasien – perfekte Wellen, die durch unsere Träume geistern. Ich habe diese Vision nie abgeschüttelt.
Hier im Norden spüre ich eine tiefe Verwurzelung – es ist spirituell, irgendwie magisch. Plötzlich wusste ich genau, wer ich bin und was mein Weg ist. Vielleicht ist es eine Art genetisches Gedächtnis. Ein Spuk meiner Wikinger-Vorfahren. Es ist das Land, die Erde, die Geschichte. In gewisser Weise bin ich zwischen der alten und der neuen Welt gefangen. Mein Leben wird durch Konzerne, Kapitalismus, Technologie und den Luxus unserer Zeit ermöglicht. Andererseits bin ich mit der Natur im Einklang, vertraue meinen Instinkten, lasse mich von Visionen und alter nordischer Poesie leiten.
RÁN
Die Idee von unentdeckten Wellen direkt vor deiner Haustür ist verlockend. Wellen, die du nicht auf Karten findest. Wellen, für die du stundenlang durch unwegsames Gelände wandern musst. Da steckt Magie drin. In der Ostsee existieren diese Wellen, auch wenn sie nur ein- oder zweimal im Jahrzehnt brechen. Die Frage ist, ob sie dadurch wertlos sind oder gerade deshalb zum absoluten Erlebnis werden. Die Antwort darauf zu finden, ist hier oben oft eine Gratwanderung.

Im hohen Norden ist Surfen vor allem ein Wartespiel. Freddie und Magnus harren wochenlang aus und hoffen auf den einen Moment. | Foto: Magnus Mordmo
Wochenlang verbringe ich auf irgendwelchen kleinen Inseln, meist mit begrenztem Tageslicht, ohne Netz, abgeschieden von der Außenwelt. Oft ist mein Freund und Fotograf Magnus mit dabei und nach einiger Zeit leben wir einfach stillschweigend nebeneinander her, weil alles gesagt wurde und wir unsere Energie fürs Warten benötigen. Wenn dann am Ende alles zusammenkommt wie ausgemalt, fühlt man sich wie ein Genie. Wenn nicht, kommen schon Zweifel an der eigenen Psyche auf. Doch Aufgeben war nie eine Option für mich, und die seltenen Erfolgsmomente oder auch nur die Hoffnung darauf halten mich auf Kurs. Über die Jahre habe ich so meinen Horizont erweitert und die Vision auf andere Ufer ausgedehnt. Und das bringt uns zu Rán, der nordischen Göttin des Meeres und Mutter aller Wellen.
Die arktische Küste ist für mich schon seit langem das letzte echte Neuland. Hier zu scoren ist so ein Aufwand, dass man es vielleicht nur ein mal im Leben versucht.
Viele dieser Wellen sind so unzugänglich und weit ab vom Schuss, dass jede Expedition zu einem echten Survival-Trip werden kann. So wird diese einsame Perfektion auch für zukünftige Generationen erhalten bleiben, ob ich jetzt da bin oder nicht.
Vor zehn Jahren wagte ich mich das erste Mal in diese Region. Nach langer Recherche hatte ich einen Felsvorsprung im äußersten Norden Norwegens gefunden, der bei den richtigen Bedingungen theoretisch eine echte Weltklasse-Barrel produzieren müsste. Als sich in letzter Minute der richtige Sturm abzeichnete, sprang ich ins Auto, fuhr 30 Stunden durch, ohne echte Rast, nahm mehrere Boote und kurvte schließlich völlig überdreht auf einem Jetski durch den Archipel. Als ich um die letzte Landzunge kam, sah ich diese riesige Slab im offenen Meer brechen. Sie war viel größer, viel gewaltiger als erwartet, und ich war müde und mit meinem kümmerlichen 6’3 Step-Up völlig unvorbereitet. Mir blieb nichts anderes übrig als umzukehren und erstmal ein paar Stunden im Auto zu schlafen. Nachmittags gab ich mir einen Ruck und fuhr wieder raus. Der Swell hatte etwas nachgelassen, doch es war immer noch zu viel für mich.
Ich ankerte den Jetski im Channel, sprang ins Wasser und verbrachte im Grunde zwei Stunden damit, dem Tod von der Schippe zu springen. Die Energie dieser Welle war unglaublich und so überwältigend – mir wurde klar, dass diese Welle Zeit brauchen würde. Ich nannte sie „Rán“, nach der Göttin des Meeres.

Die Vision wird real. Genau diese Welle hatte Freddie zehn Jahre lang vor Augen. | Foto: Magnus Nordmo
Nach dieser Mission berichtete ich Nic von Rupp von der Welle. Er ist einer meiner besten Freunde und wenn jemand versteht, was so ein Fund in einem entfacht, dann er. Auch Andrew Cotton weihte ich bei unserem ersten Treffen ein und wir schworen uns, irgendwann gut vorbereitet zurückzukehren. Dieser Moment kam zehn Jahre nach der ersten Session. Cotty sah den Swell kommen, rief mich an und fragte: „Do you think this might finally be the one, mate?“ Wir waren aufgeregt, aber skeptisch. Besonders die Winde hier sind unberechenbar und än dern sich alle vier oder fünf Stunden komplett. Aber der Swell blieb stabil. Je näher das Datum rückte, desto besser sah es aus. Vier oder fünf Tage vorher trommelte ich die Crew zusammen: „Jetzt oder nie!“ Mit am Start waren Cotty, Nic sowie Morgan Maassen und Markus Nordmo hinter der Kamera.
Wir brauchten wieder eine Ewigkeit, um dorthin zu kommen. Endlich, gegen acht Uhr morgens, waren wir da. Was wir sahen, war monumental: eine Tow-Welle, klar. Keine Chance, dieses Monster zu paddeln. Wobei, vielleicht eines Tages…

Das ganze Equipment in der Arktis in Position zu bringen, ist eine logistische Höchstleistung. Nic von Rupp zur rechten Zeit am rechten Ort. | Foto: Magnus Nordmo
Ich sprang als Erster ins Wasser und merkte schon nach der ersten Welle, dass ich auf ein schwereres, stabileres Tow-Board umsteigen musste. Als nächstes waren Nic und Cotty an der Reihe. Ich beobachtete vom Boot, wie die beiden mit jeder Welle die Grenzen neu ausloteten. Ich hatte mein Ziel noch nicht erreicht. Der Wind drehte und nahm sogar noch weiter ab. Morgan funkte mich an: „Es tut sich was.“ Cotty rief: „Freddie, du musst nochmal raus!“ Der Swell drehte auf und ich war bereit.
Nic zog mich mit Tempo rein. Du willst hier keine Geschwindigkeit verlieren; zu tief in der Barrel und du wirst einfach verschluckt. Nach ein paar Warm-Ups fühlte ich mich bereit und dann kam diese riesige Line auf uns zu. Nic schrie mir irgendwas zu und gab Gas. Ich ließ das Seil los und sah, wie sich vor mir eine gewaltige, tiefblaue Wand aufbaute – als würde das Meer über mir zusammenbrechen. Der Foamball riss an meinem Rail, ich pumpte, einmal, zweimal und schaffte es irgendwie in den Channel. Vom Boot hörte ich Pfiffe und Schreie. Nic war sofort zur Stelle und zog mich ohne zu zögern direkt in die nächste Bombe. Dieses Mal war ich mir zu sicher und wurde sofort bestraft. Die Wucht unter Wasser war unbeschreiblich, denn hinter der Felsplatte fällt der Meeresboden wieder steil ab und es bildet sich eine Art Untersee-Wasserfall.

In den nordischen Sagen wird das Ertrinken als „Der Rán in die Hände fallen“ umschrieben. Foto: Morgan Maassen
Während ich in die Tiefe gerissen wurde, überkam mich eine seltene Klarheit. Mein Leben, meine Ängste, meine Träume – alles ordnete sich und bestätigte jede Entscheidung, die ich bis zu diesem Moment getroffen hatte. Irgendwann kam ich in der Impact-Zone wie der hoch und kriegte noch den Rest des Sets auf den Kopf. Als Nic mich schließlich rettete, sah ich die Panik in seinen Augen:
„Scheiße, Freddie! Ich dachte schon, wir hätten dich verloren.“ Und dann: „Das kannst du so eigentlich nicht auf dir sitzen lassen. Eine noch?“
Eine noch! Eine riesige, verrückte Barrel voller Stufen und dann war Schluss. Die Blicke, die ich mit meinem Team austauschte, sagten alles: Erleichterung, Freude und das Wissen, dass wir alle etwas Außergewöhnliches erlebt hatten. Sicherlich gibt es noch größere Wellen in Skandinavien. Allerdings habe ich bis heute nichts gesehen, was dieser hier auch nur ansatzweise nahekommt.
Diese Surfsession in der Arktis, das war nicht einfach nur ein lang gehegter Traum, der wahr wurde; das war der Anfang von etwas Neuem. Egal wie lange es dauert, ich werde zurückkommen. Und wer weiß, vielleicht wartet Ráns Gatte Ägir, der Riese der See, ja irgendwo da draußen auf mich…
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Text: Freddie Meadows
Fotos: Magnus Nordmo (Titelbild) & Morgan Maassen
Video: Morgan Maassen (film and edit) + Magnus Nordmo (additional footage)
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