Sonntagslektüre: Surftown Muc - Good to Epic

Sonntagslektüre: Surftown Muc - Good to Epic

Landlocked Surfer sind immer auf der Jagd – nach dem nächsten Trip, der nächsten Session, der nächsten Welle. Wir kommen chronisch zu kurz, selbst wenn wir es irgendwie schaffen, jede freie Minute auf der Suche zu sein.

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Dieser Artikel erschien im Blue Yearbook #24. Gedruckt lesen sich solche Storys immer noch am besten. Alle Yearbooks kannst du ganz bequem in unserem Online Shop kaufen.

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Es gibt verschiedene Arten, damit umzugehen. Manche flüchten, manche resignieren, und dann gibt es noch Menschen, bei denen völlig ungeahnte Kräfte freigesetzt werden. Menschen wie Chris Boehm-Tettelbach und Michi Mohr, Teil des Gründerteams eines neuen Weltklasse-Spots, der bald die ersten Swells rausfeuert. Das Duo hinter der Vision von O2 SURFTOWN MUC hat sich Zeit für uns genommen und berichtet von der langjährigen Reise und den Herausforderungen, die sie auf dem Weg gemeistert haben.

Drahtzieher

Chris und Michi sindwie sollte es auch anders seinseit Jahrzehnten tief in der Surfszene verwurzeltZunächst als Eisbach-Localsdann auf der Jagd nach Wellen rund um die WeltWirklich interessant für dieses visionäre Projekt ist die Bandbreite und Kombination der professionellen Erfahrung der beidenChris gründete 1987 PlanworxAnfangs war das eine Reiseagenturweil es das Konzept „Eventagentur“ damals noch gar nicht gab„Mein Ziel war es schon immerOrte zu schaffenan denen sich Leute wirklich wohlfühlen – um die eine echte Community entsteht“erklärt ChrisMichi bringt als Ex-Quiksilver-Pro und mit beeindruckenden Big-Wave-Skills viel Surf-Know-how ins ProjektDoch auch er hat Business-ErfahrungSo eröffnete er etwa den ersten Quiksilver-Boardrider Store in Deutschland.

Vision

Wer kann schon sagenwie lange man bereits von perfekten Wellen vor der Haustür träumt? Wahrscheinlich ewigGanz konkret wurde die Idee für den bayerischen Wavepool vor knapp zehn Jahren„Über einen Kollegen erfuhr ich von der Technologie und war sofort vom Potenzial fasziniert“erzählt ChrisEs sagt viel über ihn ausdass sein erster Gedanke direkt wareinen Businessplan zu schreibenNachdem er diverse Standorte in Deutschland analysiert hattefiel die Wahl auf den Münchner NordenDoch der Weg dorthin war nicht einfach„Ich bin eine Woche lang durch die Gegend gefahrenhabe bei Bauern geklingelt und gefragtob sie ihren Acker verkaufenweil ich einen Surfpark bauen willDie haben mich im wahrsten Sinne des Wortes vom Hof gejagt.“ Damit war das Projekt erstmal auf Eis gelegtdoch noch lange nicht abgeschrieben.

Der Durchbruch kam Ende 2018, als Planworx eine Immobilien-Ausschreibung für den Munich Airport Business Park in Hallbergmoos gewann. Die Gemeinde war offen für kreative Ideen zur „Belebung des Filet-Grundstücks“. „Ich zog mein altes Konzept wieder aus der Schublade, stellte mich vor den Gemeinderat, präsentierte eine kurze PowerPoint und erklärte, dass man auf dem Land surfen kann. Ich zeigte, dass das für die Gemeinde ein Leuchtturmprojekt sein würde, das Hallbergmoos auf die Weltkarte setzen könnte. Nach zwei Monaten ging das Konzept durch den Gemeinderat.

Nachhaltig?

„Weltweit scheitern viele Projekte daran, dass die Initiatoren nicht auf jede Frage die passende Antwort haben oder generell zu naiv an die Sache herangegangen wird“, so Michi. Dabei ginge es gerade bei einer neuen Branche wie Wavepools nicht um direkte Konkurrenz in Sachen Nachhaltigkeit: „Jedes Projekt bringt seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich und besonders die Arbeit mit den Behörden und wichtigen Stakeholdern darf auf keinen Fall unterschätzt werden. „Letztendlich ist es für uns alle nur von Vorteil, wenn andere Projekte auch Erfolg haben.“ Besonders geht es hier um drei essenzielle Faktoren: den Standort, die Energie und die Wasserversorgung. Nachhaltigkeit war von Anfang an ein zentraler Bestandteil des Projekts.

Planworx schaffte sich einen wichtigen strategischen Vorsprung, indem 2016 bereits Auditoren nach ISO 20121 ausgebildet wurden, um die Nachhaltigkeit von Locations und Events zu prüfen. Diese Grundlage nutzen sie nun für das Projekt: „Wir haben uns dazu verpflichtet, möglichst wenig Flächen zu versiegeln und genau zu wissen, woher das Wasser und der Strom kommen“, betont Chris. Die Energieversorgung erfolgt durch einen benachbarten Solarpark, und das Wasser wird aus einem eigenen Grundwasserbrunnen bezogen. „Ein geschlossener Wasserkreislauf ist so wichtig. Das Einzige, was wir auffüllen müssen, ist die Verdunstung“, ergänzt Michi. „Wir haben mit dem Wasserwirtschaftsamt und dem Gesundheitsamt zusammengearbeitet, um für Surfpools eine Art Standard zu definieren. Wir haben immer versucht, auf alle möglichen Fragen fundierte Antworten zu haben. Das hat die Skepsis bei den Behörden wie dem Luftfahrt-Bundesamt, dem Wasserwirtschaftsamt und dem Umweltamt in ein Miteinander verwandelt. Sie haben Ehrgeiz entwickelt und gesagt: ‚Wow, das unterstützen wir und bringen es durch.‘“

SURFTOWN MUC ist Europas bisher größter Wavepool. Hier im Bau aus der Vogelperspektive zu sehen | Foto: MATZE RIED 

Community

SURFTOWN MUC ist natürlich mehr als „nur“ perfekte Wellen auf Knopfdruck. Das Areal ist riesig und bietet auf 20.000 Quadratmetern ein vielseitiges Erlebnis für bis zu 4000 Besucher gleichzeitig. Wie bei Chris’ früheren Projekten geht es auch bei diesem neuen Weltklasse-Spot darum, einen Ort zu schaffen, an dem sich jeder willkommen fühlt und um den ganz neue Communitys entstehen werden. „Wir denken da an alle, von Familien über Weekend-Warrior bis hin zu Pros, wie zum Beispiel das Olympische Team vom DWV. Unser Ziel ist es, maximal flexibel zu sein und die gesamte Bandbreite abzudecken. So können wir ein Projekt schaffen, das wirklich für jeden etwas bietet und gleichzeitig technisch und organisatorisch auf dem neuesten Stand ist“, so Chris. Michi ergänzt: „Wir haben jetzt auch Quirin Rohleder an Bord, der sich um das gesamte Sportthema kümmert. Hier ist viel in Bewegung und es wird echt spannend, in Zukunft auch die World Champs ein- und ausgehen zu sehen. Unsere Wellen-Technologie ist dank des pneumatischen Systems wahrscheinlich die flexibelste, die es derzeit gibt. Und momentan ist sie einzigartig, denn wir werden die Ersten mit der Endless Surf Lagoon sein.

Welle(n)

Dies wird der bisher größte Wavepool in Europa und setzt auch technisch neue Maßstäbe. „Wir haben weltweit alle verfügbaren Systeme getestet und wussten genau, was wir wollten: ein System, das der Vielfalt des Ozeans nachempfunden ist, ohne Energieverlust durch ineffiziente Nutzung. Wir wollten auf Knopfdruck verschiedene Arten von Wellen erzeugen und eine Anlage, die viele Jahre auf dem neuesten Stand bleibt“, berichtet ChrisDie Endless Surf Lagoon von WhiteWater West funktioniert mit einem pneumatischen Kammer-System. 34 dieser Kammern werden der Reihe nach unter Druck gesetzt und sollen damit der Energie eines Groundswells so nah wie möglich kommen. „Das heißt, dass die Welle nach dem Takeoff nicht nachlässt und über die gesamte Länge ordentlich Druck hat“, erklärt Michi. Jede Kammer erzeugt einen kleinen Teil der Welle und die Software setzt diese zu einer endlosen Vielfalt von Wellen zusammen. Damit sind der Fantasie der Swell-Designer keine Grenzen gesetzt: „Lefts, Rights, Longboard-Pointbreaks, Barrels, High-Performance-Wellen für Turns sowie Air Sections. An der ‚Outside‘ brechen A-Frames im Split Peak Mode nach links und rechts, bis dann im Reform-Bereich eine Weißwasserwelle für Anfänger entsteht. Und wenn man alles auf Elf dreht, kann man alle zehn Sekunden eine perfekte Point-Welle über 130 Meter Länge und gut zwei Meter Höhe durch das Becken feuern. Das sind dann Rides von bis zu 25 Sekunden – natürlich in beide Richtungen!“, grinst Michi.

A-Frame-Kalibrierung Surf Town MUC. | Foto: TANNER WILSON

„Wir befinden uns derzeit im Commissioningalso im Testen und Justieren der verschiedenen Wellen“erklärt Chris„Man kann sich das wie ein Klavier vorstellenVerschiedene Tasten erzeugen verschiedene WellenWir können die Abschnitte der Welle anpassenlangsamer oder schneller machenje nach BedarfSo können wir die Wellen flexibel gestalten und dem Spot verschiedene Facetten abgewinnen.

„Wir lernen geradedieses ‚Klavier‘ zu spielen und unsere eigenen Wellen zu komponieren“fügt Michi hinzu„Unsere Standardwellen sind bereits definiert und werden auch auf der Website zu sehen seinEs gibt verschiedene Wellenstufen für unterschiedliche Levelsvon First-Timer bis ProWenn ein Nationalteam kommt oder wir eine Air Show veranstaltenkönnen wir spezielle Wellenmuster einrichten.

Die Anlage ist so konzipiertdass sie auch professionelle Wettkämpfe und Events ausrichten kann„Wir sprechen bereits mit Organisatoren und Verbändenund das Feedback ist überwältigend“sagte Chris. „Länder ohne Küsten hatten bisher keine Chance, internationale Wettkämpfe auszurichten. Das möchten wir ändern. Mit dem Endless Surf Wavepool haben wir die Möglichkeit, unterschiedliche Wellen- muster zu erzeugen, was besonders bei Wettkämpfen spannend ist. Man könnte sogar ein zufälliges Setting verwenden, um eine Unbere- chenbarkeit wie im Ozean zu kreieren.“

„Und wir wollen Pros die einzigartige Chance bieteneffektiver zu trainierendurch permanente Wiederholung und ‚Laborbedingungen‘“erklärt Michi„Wir haben gesehenwie diese konstanten Bedingungen in den letzten Jahren die Progression gepusht habenDas wird dem deutschen Surfen einen unglaublichen Impuls geben.

Testpilotin Janina Zeitler mit Power in einer vielversprechenden Section. | Foto: MATZE RIED 

Forecast HallbergmoosGood to Epic!

Michi und Chris verrieten mirdass viele der Wellenvoreinstellungen ihren Lieblingsspots nachempfunden sindund rein theoretisch könnte man sich am „Klavier“ seine ganz eigene Traumwelle nachorgelnFakt istdass ab Sommer 2024 ein neuer Weltklasse-Spot mitten im Herzen Bayerns läuftFakt ist auchdass dem Team nichts ferner liegen könnte als die Country-Club-Mentalität anderer WavepoolsEine einstündige Beginner- bis Pro-Session mit EinführungWarm-upCoaching und Material kostet 95 €. Die Sessions bieten zwölf garantierte Wellen pro Stundeje nach Anzahl der Teilnehmer

Wenn ihr diese Zeilen lestsind die Tickets auf der Website erhältlich und der Forecast für Hallbergmoos ist sieben Tage die Woche„good to epic“.

Alle Infos und Tickets: www.surftown.de

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TEXT: JAN BLAFFERT