Buchtipp: WANTED – Gesichter der Presqu'île

Buchtipp: WANTED – Gesichter der Presqu'île

Romuald Pliquet porträtiert die Surfer von Crozon und räumt mit einem Klischee auf. Gesucht: der Surfer als ewiger Taugenichts. Gefunden: Ärztin, Fischer, Lehrerin, Student, Großvater, Grom. Mit seinem Bildband „WANTED“ stellt Romuald Pliquet ein Klischee an den Pranger, das seit den Siebzigern am Surfen klebt, und widerlegt es Gesicht für Gesicht.

Wer Romuald Pliquet kennt, kennt ihn meist durch seine Arbeit als Wasserfotograf: tief im Channel, das Unterwassergehäuse vor sich, während vor seiner Linse die größten Wellen des Planeten einschlagen. Die Bilder des Autodidakten aus der Bretagne wurden mehrfach für die WSL Big Wave Awards nominiert und Romu hat die Karawane der WSL Championship Tour über Jahre begleitet. Für sein erstes Buch hat er die Kamera umgedreht und das Wassergehäuse gegen ein Studiolicht getauscht. Statt Monsterwellen fotografierte er Gesichter.

„WANTED“ heißt der Bildband, und der Titel ist eine Ansage. Er spielt mit dem Fahndungsplakat, mit dem Bild des Surfers als Außenseiter, der seit den Siebzigern angeblich nur am Strand herumhängt, der Gegenkultur verschrieben und dem Müßiggang ergeben. Pliquet nennt es ein überholtes Klischee und die Kritiker „Scharfschützen“, die von der Wirklichkeit längst abgekoppelt sind. Denn wer heute im Line-up sitzt, ist Ärztin, Fischer, Lehrer, Künstlerin oder Student, vom Grom bis zum Weißbart. Das Meer hat die Unterschiede abgespült, und das Surfen ist zu einem sozialen Happening geworden, an dem sich Herkunft und Beruf im Rhythmus der Gezeiten auflösen.

Der Anlass für Romu's Buch ist durchaus ernst. Immer häufiger wird der Zugang zu Stränden der Presqu'île de Crozon, eingeschränkt. Ohne Rücksicht darauf, wie fest die Surfer in ihrer Region verwurzelt sind und wie respektvoll sie mit ihrer Umwelt umgehen. Pliquets Antwort ist keine Anklage, sondern eine Galerie: schwarz-weiße Porträts, schnörkellos und nah. Ein Junge vor der Nose seines Boards, ein Mann mit Lederkappe und Twin Fin unterm Arm, ein lachendes, tief gefurchtes Gesicht, in das Jahrzehnte Salz und Wind geschrieben sind. Keine Posen, keine Heldenmythen, sondern echte Menschen.

Die Presqu'île de Crozon, Pliquets Heimat in Finistère, kennt man als raue, windumtoste Landzunge am Ende Frankreichs. Hier hat er als Kind gelernt, was Tide und Dünung bedeuten, bevor es ihn nach Tahiti und in die Welt der Big-Wave-Fotografie zog. Mit „WANTED“ kehrt er zurück und erweist den Surferinnen und Surfern seines Heimatbreaks die Ehre. Dass ein Mann, der sonst die gefährlichsten Barrels der Welt aus nächster Nähe festhält, seine eindringlichsten Bilder in der Begegnung mit Menschen findet, ist die schönste Pointe dieses Buches.

5 Fragen an Romulald Piquets zum Buchprojekt

Was war die ursprüngliche Idee hinter dem Buch?

Am Anfang stand der Wunsch, mich gegen lokalpolitische Entscheidungen zu stellen, die den Strandzugang in den wärmeren Monaten einschränken. Ich wollte zeigen, dass Surfer, anders als es die alten Klischees behaupten, die Politiker über eine Szene pflegen, die sie nicht verstehen, aus allen Schichten und Altersgruppen kommen. Ich wollte die Gesichter derer sichtbar machen, deren Alltag von diesen ungerechten und willkürlichen Entscheidungen getroffen wurde. Surfen ist heute eine weit verbreitete Aktivität, die die ganze Gesellschaft berührt.

Wie hast du die Surfer für dein Buch ausgewählt?

Alle Surfer im Buch sind Locals aus den verschiedenen Orten, die von den Zugangsbeschränkungen betroffen sind, vom Jüngsten bis zum Ältesten. Selbstverständlich ist alles dabei, was zur Surfszene gehört, von Profis bis zu Amateuren.

Wie lange hast du gebraucht, um alle Surfer zu fotografieren?

Für sechs Monaten habe ich meine Surf-Art-Galerie in ein Fotostudio verwandelt. Die Termine zu koordinieren war nicht leicht: Manche waren auf Surftrips, andere gerade im Wasser. Die Shootings fanden im Winter statt, also zu der Jahreszeit, in der die Strände offen sind …

Mit welcher Kamera und welchem Setup hast du gearbeitet?

Canon R3, 50-mm-Objektiv, Studiolicht, Schirm und so weiter.

Warum hast du dich für diesen Schwarz-Weiß-Stil entschieden?

Ich wollte etwas komplett anderes machen als sonst. Wer meine Arbeit kennt, hat wahrscheinlich ein Buch über Big Waves rund um den Globus erwartet. Aber darum ging es nicht. Ich wollte jede Facette meines Homebreaks zeigen und all die Menschen, die meine Surfwelt geprägt haben und mit denen ich aufgewachsen bin.

Facts

WANTED

Fotografien: Romuald Pliquet
Texte: Romuald Pliquet & Michel Noirrit
144 Seiten, Format 21 × 28 cm, französische Ausgabe
ISBN 979-10-415-6824-6

Preis: 35 Euro, erhältlich in unserem Shop.