Der stets stylische Vans-Pro Dylan Granves reist für seine Web-Serien „WEIRD WAVES“ und „BREAKING WAVES“ um die ganze Welt. Die Suche nach den verrücktesten, gerade noch surfbaren Wassermassen ist zu seiner Obsessions und auch zu seinem Markenzeichen geworden. Im BLUE-Interview philosophiert er mit uns über die Essenz des Surfens: Die Community.
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Dieser Artikel erschien im Blue Yearbook #22. Gedruckt lesen sich solche Storys immer noch am besten. Alle Yearbooks kannst du ganz bequem in unserem Online Shop kaufen.
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WEIRD WAVES, WAS SIND DAS EIGENTLICH? Und ist nicht jede Welle irgendwie weird? Klar, jeder Point oder Beach Break hat seine Besonderheiten – von Gezeiten, Wind, Fetch und Swell bis hin zum Einfluss des Mondes und der Beschaffenheit des Meeresbodens. Doch so richtig weird, Dylan-Graves-weird, das ist eine andere Kategorie: Tankerwellen, Flusswellen, künstliche Wedges und kalbende Gletscher. Vielleicht war Dylan für seine Entdeckungsreisen geradezu prädestiniert, denn schon seine wellenbesessenen Eltern verließen ihre Heimat Florida, um in Puerto Rico perfekte Peaks zu finden und ihren Kindern ein ungewöhnliches Umfeld zu bieten. Auf jeden Fall ist er dort zu einem echten Freigeist herangewachsen, der seine Serie als „Flucht aus der normalen Surfcommunity“ definiert. Für ihn stellt die Suche nach verrückten Spots den Kern dessen dar, was uns als Community verbindet. „Get stoked or die trying!“

Wellen sind seltsam, Surfen erst recht und Dylan eigentlich auch. Weitere Weirdos auf der ganzen Welt zu finden, war quasi vorprogrammiert. | FOTO: JIMMY WILSON
Ich habe über deine Serie „Weird Waves“ nachgedacht und dabei ist mir aufgefallen, dass eigentlich jede Welle seltsam ist, mit ihrer einzigartigen Mechanik und Form. Und eigentlich ist auch das Surfen als Ganzes seltsam. Es existiert in einem Paralleluniversum, das irgendwie ursprünglich ist. Was denkst du?
Hmm, die Frage verwirrt mich ein wenig, aber ich stimme zu, dass Surfen seltsam ist. Das ist definitiv der Grund, warum ich das Surfen so sehr mag, denn wie die meisten Surfer bin ich selbst seltsam, ein Weirdo, der mit anderen Sportarten nichts anfangen konnte.
Ich meinte die Tatsache, dass jede Welle anders ist, und sogar ein und dieselbe Welle je nach Gezeiten, Wind, Wellenrichtung usw. anders ist. Macht das den Reiz des Surfens aus?
Ich glaube schon. Deshalb ist es meiner Meinung nach der beste Sport/ Lifestyle der Welt. Weil es nie langweilig wird. Selbst wenn du dein ganzes Leben lang dieselbe Welle surfst, ist jede Session anders, und du wirst immer auf Trab gehalten. Das Spielfeld verändert sich ständig. Es ist vielleicht ähnlich, aber nie gleich. Ich glaube, wir haben es hier mit einem der größten Kunstwerke des Lebens zu tun. Oder wir interagieren mit dem größten Künstler der Welt – dem Ozean ...
Erzähl doch mal, wie es zu deiner Serie „Weird Waves“ kam.
Ich glaube, je mehr Zeit man beim Surfen im Meer verbringt, desto mehr interessiert man sich für die „ungewöhnlichen“ Spots. Das hat mich auf jeden Fall auf diese Reise geführt, und schließlich habe ich mit meinem Kumpel Dave Malcolm die Web-Serie „Weird Waves“ entwickelt. Wir waren uns sicher, dass es dafür ein Publikum gibt, denn jeder Surfer kennt einen Spot, der völlig verrückt funktioniert. Das ist immer eines der ersten Themen, über die man spricht, wenn man an einen neuen Ort reist. Es sprudelt quasi aus den Leuten heraus und reduziert den ganzen Zirkus aufs Wesentliche: den Spaß am Wellenreiten.

Es gibt nichts besseres, als unerwartete Wellen mit guten Freunden zu teilen: Shorebreak-Barrels in Lagos, Nigeria. | FOTO: VANS
Ich vermute, die Serie hat dir nicht nur die Augen für neue Wellen geöffnet, sondern auch für Menschen und soziale und ökologische Belange?
„Weird Waves“ ist die coolste Art, um mit Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt zu kommen. Es ist auch eine besondere Perspektive, durch die man die Welt betrachten kann, vor allem die Surfwelt, die meiner Meinung nach über die Jahre sehr steif geworden ist und vor allem von den Medien in eine langweilige Schublade gesteckt wurde.
Meinst du „steif“ im Sinne von eingeschränkt durch Grenzen, die sie sich selbst gesetzt hat?
Ja, genau. Oder ich meine vielleicht „corporate“. Die meisten Surfbrands gehören mittlerweile großen Firmen, die nichts mit dem Surfen zu tun haben. Also werden die meisten „wichtigen“ Entscheidungen in der Surfwelt von Nicht-Surfern diktiert.
Hast du bei all den verrückten Wellen, die du entdeckt hast – von Eisberg-Backwash über künstliche Wedges bis hin zu Riversurf – einen roten Faden gefunden, der all diejenigen verbindet, die sie surfen?
Wenn du die Leute meinst, die diese Wellen surfen: Ja, ich denke, man könnte sagen, dass all die Orte, an denen ich war, und die Leute, die ich getroffen habe, mit den Locals an meinem Homebreak vergleichbar sind. Das gab mir immer das Gefühl, zu Hause zu sein und auch, dass wir alle dasselbe wollen: Stoke! In unserem Sport gibt es einfach viele verschiedene Möglichkeiten, das zu finden.

1500 Meter über dem Meeresspiegel, mit voller Kayak-Montur in einer stehenden Süßwasser-Tube: Surfsession zwischen Krokodilen im Zambezi River. | FOTO: SAM MOODY
Was ich durch deine Clips gelernt habe und wirklich respektiere, ist, dass die Orte und Menschen, die du besuchst, die eigentlichen Stars sind. Dieser Ansatz unterscheidet sich völlig von fast allen anderen Web-Serien, in denen immer der Pro im Mittelpunkt steht. Würdest du dem zustimmen?
100 Prozent! Die Menschen sind die Stars. Jede Reise, die ich je unternommen habe, wurde durch die Menschen, mit denen wir zusammen waren, zu etwas Besonderem – nicht durch mich.
Ja, das ist für mich das Tolle daran. Du nimmst teil und erzählst diese Geschichten, aber du stehst absichtlich nicht im Mittelpunkt. Freut mich, dass du das so siehst. Ich bin eigentlich ziemlich schüchtern, weshalb ich ohnehin nicht ständig energiegeladen und aufdringlich sein kann. Und wie ich schon sagte: Jeder, der reist, trifft auf Menschen, die diese Reise zu etwas ganz Besonderem machen. Und das sind meist die erstaunlichsten Charaktere, wie du in „Weird Waves“ sehen kannst.

Egal ob Wellen, Weirdness oder beides – Hauptsache, man kann es teilen! | FOTO: VANS
Was das Thema Respekt angeht, so hat mich „Breaking Waves“ sehr beeindruckt – deine zweite Serie, die sich mit sozialen Themen befasst. Glaubst du, dass mit der Bekanntheit als Pro auch die Verantwortung einhergeht, sich für Themen jenseits des Sports einzusetzen?
Also ich würde nie für irgendjemanden sprechen wollen. Es war einfach meine Art zu versuchen, Themen zu verstehen, über die ich sehr wenig weiß. Es war eine unglaubliche Reise, und ich hatte das Glück, diese Episoden als Ausrede zu nutzen, um selbst etwas zu lernen.
Entschuldige, das wollte ich dir auch nicht vorwerfen. Ich meinte vielmehr, dass du Menschen und Communities, die an den Rand unseres Sportes gedrängt werden, mit dieser Serie eine Plattform bietest. Und Sportler haben dies in der Vergangenheit eindrucksvoll genutzt. Ich denke da zum Beispiel an Tommie Smith und John Carlos, die bei den Olympischen Spielen 1968 ihre Faust erhoben. Ich behaupte nicht, dass ‚Breaking Waves‘ mit Smith und Carlos mithalten kann, aber es löst sicherlich eine Diskussion aus, die Surfer sonst vielleicht nicht führen würden.
Richtig. Ich dachte, es wäre interessant, bei „Breaking Waves“ den gleichen Ansatz mit bestimmten sozialen Themen zu verfolgen wie bei „Weird Waves“, wo es darum geht, durch Erfahrung zu lernen. Außerdem glaube ich, dass die Tatsache, dass Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und sozialer Orientierung diese sozialen Themen durch die Brille des Surfens sehen, die Sache viel glaubwürdiger macht. Und hoffentlich eint es uns alle, zumindest am Strand, wo es sowieso egal sein sollte, was man für einen Background hat.

Palm Springs ist auch ohne Chlor-Barrels schon weird genug: Pool-Party in der kalifornischen Wüste. | FOTO: JIMMY WILSON
Ich habe auch gelesen, dass der Fotograf Oli Hillyer-Riley nach eurem Besuch im Tarkwa Bay Surf Club ein Buch mit dem Titel „No Wahala“ herausgebracht hat, dessen Verkaufserlös der Crew in Lagos zugute kommt. Würdest du sagen, dass die Serie und die Tatsache, dass du ein Familienvater geworden bist, dein Bewusstsein geschärft haben?
Auf jeden Fall. Ein Kind zu haben, verändert alles. Es stimmt genau, was alle sagen.
Das ist ein ziemlich großartiges und vielleicht unerwartetes Ergebnis der Serie, oder?
Das ist auf jeden Fall die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, und Oli war die treibende Kraft dahinter. Er ist so ein talentierter Kerl, und es macht Spaß, mit ihm zusammenzuarbeiten ... Ich bin so froh, dass er uns auf dieser Reise begleiten durfte.
Das Surfen an diesen Orten muss auch deine Art zu surfen oder deine Einstellung zum Surfen beeinflusst haben? Immerhin ist es ein weiter Weg von den QS-Heats.
Haha, auf jeden Fall. Andererseits: Meinen ersten Air habe ich auf einer Wedge gestanden. Verrückte Wellen und Progression können also durchaus zusammenpassen. Nur habe ich früher nicht erkannt, dass es mehr Möglichkeiten gibt, unseren Sport voranzubringen, als nur durch neue Tricks.
Könnte man sagen, dass Surfen als Ganzes ein Mittel für das Gute sein könnte oder sollte?
Das würde ich gerne glauben.
Tut mir leid, ich glaube, ich bin etwas ins Philosophische abgedriftet. Was ganz anderes: Liege ich richtig, dass die Bildsprache eurer Serie von Wes Anderson inspiriert ist?
Wes Anderson ist mein Orakel! Ha-ha, ja, Dave Malcolm und ich sind große Wes-Anderson-Fans, wer ist das nicht? Die Art, wie er denkt und die Dinge interpretiert, ist so einfach, effektiv und immer schön. Freut mich riesig, dass dir der Einfluss aufgefallen ist!
Und zum Schluss: Kannst du verraten, was auf deiner Weird-Waves- Wunschliste steht? Es gibt mit Sicherheit noch einige seltsame Wellen, die es zu erforschen gilt.
Ich will lieber nichts verraten, dann bleibt es spannender für die Zuschauer. Wir wollen schließlich mit jeder Staffel aufs Neue überraschen, damit das Ganze nicht langweilig wird.

Überkopf-hoch, hohl, mit ablandigem Wind: Eindeutig eine schöne Welle, scheinbar ziemlich frostig, aber weird? Allerdings! Dylan in der Pit im Lake Superior. | FOTO: MIKE KILLION
Credits
Text: Danny Burrows
Fotos: siehe Bildunterschrift

