Sylt. Den Legenden nach begann genau hier, auf diesem Fleckchen Land in der Nordsee, in den 50er Jahren die Surfgeschichte Deutschlands. Im BLUE Yearbook 2015 hatte Angelo Schmitt bereits die Persönlichkeiten, die die damalige Surfszene prägten, chronologisch zusammengefasst. Die insgesamt 60 Jahre, konntet ihr auf 20 Seiten durchblättern. Da auf dem Bildschirm wahrscheinlich niemand so weit nach unten scrollt, haben wir die Chronik der Surfszene Sylts in zwei Teile aufgeteilt. Den Artikel als Teil 1 und die Fotostory als Teil 2:
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Dieser Artikel erschien im Blue Yearbook #15. Gedruckt lesen sich solche Storys immer noch am besten. Yearbooks vergangener Jahre, die wir noch auf Lager haben, kannst du ganz bequem in unserem Online Shop kaufen.
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Header: Uwe Drath auf dem Ungetüm. Das Board ist alles andere als geeignet fürs Wellenreiten auf Sylt. Die DLRG baute 1953 Paddelbretter für schnelle Rettungseinsätze an der Nordsee. Die Maße der Holzplanke lagen in etwa bei 10’4” x 19,5” x 6,5”. Das Teil war gute 50 Kilo schwer, hatte keine Finnen und musste daher mit einem Fuß im Wasser über das Tail gesurft werden. Wenn das Monstrum eintauchte und unkontrolliert durchs Badefeld tanzte, war Gefahr im Verzug.

Fotos: Drath Archiv
Links: Uwe (unten in der Mitte) am Hauptstrand in Westerland Anfang der fünfziger Jahre. Nach dem Krieg starteten die Rettungsschwimmer wieder mit der Strandbewachung der Gäste. Es gab zwei Rettungsstände: einen am Hauptstrand und den Stand namens Himmelsleiter etwas weiter südlich. Die Buhnen im Hintergrund und die jeweiligen Peaks sollten in den nächsten Dekaden noch Zeugen unglaublicher Sessions werden.
Rechts: Uwe Drath. Der erste Surfer Deutschlands ist heute (2015) 78 Jahre alt. Als Badebetriebsleiter galt Uwe als harter Hund und verstand es immer wieder, sich aus dem toten Winkel anzuschleichen, um die Rettungsschwimmer beim Faulenzen zu erwischen. Er arbeitete von 1950 bis 1990 am Strand, zunächst als Schwimmer, später als Badebetriebsleiter. Er war zudem der Erste, der eine Brandungsprüfung für die kommenden Generationen der Rettungsschwimmer einführte.

Fotos: Behrens Archiv
Links oben: Heiligabend 1966 am Hauptstrand. Die Wellen waren groß an diesem Wintertag. Keine Leash und glitschige Bretter – das Rauskommen wurde zum Kampf. In den undichten Tauchanzügen wurden die Muskeln schnell hart und der Spaß im bitterkaltem Wasser war schnell vorbei. „Oft reichte die Kraft nicht mehr, um zurückzupaddeln“, erinnert sich Uwe Behrens, „und wir ließen uns vor lauter Kälte einfach reintreiben.“ Im Folgejahr schrieb Uwe einen Brief an Jack O’Neill, der die ersten Westsuits in Santa Cruz, Kalifornien, fertigte, und orderte die ersten Neoprenanzüge für sich und seine Freunde. Ein Jahr später besuchte Jack aus Neugier die Jungs auf Sylt und teilte sich gemeinsam mit den Rettungsschwimmern die Nordseewellen.
Mitte: Kampen Ende der sechziger Jahre. Jürgen Hönscheid (im Surf-Club-T-Shirt), Klaus aus Hamburg und Henry Flatters. Die Boards wurden kürzer und die nächste Garde an Jungsurfern stand bereit. Die Rettungsschwimmer liehen den Jungs die Boards nur unter der Bedingung, dass sie nicht mit dem Rauchen anfangen. Auch die Ente gehörte Uwe Behrens, der in 25 Jahren sechs 2CVs besaß. Sie dienten als treue Gefährten bei den Surfaris über die Insel, ins benachbarte Dänemark und später auch nach Biarritz.
Unten: Am Strand, Juni 1964. Endlich treffen die ersten Surfboards von Michel Barland aus Biarritz auf der Insel ein. Uwe und sein Freund Klaus Tamble hatten die beiden Boards im Herbst 1963 bereits bei Barland in Südfrankreich bestellt und freuten sich auf die sehnlichst erwartete Finne am Brett. Zudem waren die Boards nur halb so schwer und gut einen Meter kürzer als die Rettungsbretter. Dass man zum Surfen auch Wachs verwendet, sollte erst ein Jahr später aufgelöst werden, als Uwe von einem weiteren Trip aus Biarritz zurückkam.
Rechte Seite: Uwe Behrens gründete 1966 den Surf Club Sylt. Keiner prägte die Anfänge wie er. Neugierig auf mehr legte er mit seinen Brüdern und Freunden den Grundstein für die Surfkultur auf Sylt.

Fotos (links oben, unten, rechts): Knuth, Tom Herz, Sven Hoffmann
Links oben: Tom und Chrischan vor ihrem Bus in La Barre 1978. Die beiden wachten mehr als 15 Jahre gemeinsam über Rantums Strände und drückten sich auf die allerfeinste Art und Weise vor dem Dienst an der Waffe. Zur Musterung simulierte Tom eine Gehirnerschütterung und Chrischan „Suicidal Tendencies“. Das nahm den beiden braun gebrannten Surfern natürlich keiner ab und der Untauglichkeits-Antrag wurde vorerst abgelehnt. Also schmiedeten die beiden an ihrem Fluchtplan für die nächsten 10 Jahre. Rasch wurden Tickets nach Australien gekauft, die Taschen gepackt und Abschied gefeiert. Vier Tage vor dem geplanten Abflug traf dann doch noch das offizielle Schreiben mit der Freistellung vom Wehrdienst in Rantum ein.
Links unten: Tom Knuth bei der norddeutschen Skateboard-Meisterschaft, die 1975/ 76er gewann. Jürgen Hönscheid brachte von einem Besuch aus Huntington Beach 1976 die ersten Skateboards mit und verteilte sie unter den Surfern. Ein eigener Contest am Taatjem Deel in Rantum wurde ins Leben gerufen mit Freestyle, Parallel Slalom und Weitsprung, den Chrischan Ludwigsen gewann. Kurze Zeit später schickte Hönscheid sein eigenes Skateteam nach Hamburg zu den norddeutschen Meisterschaften, die der damals zwölfjährige Tom Knuth gewann.
Rechts: Tom Knuth, gebürtiger Sylter und extremes Brett-Talent. Bereits als Teenager baute er sich aus Hudora-Rollschuhen seine ersten Rollbretter und gehörte zu den ersten Skatern auf Sylt. Später ging es aufs Surfboard, auf den Windsurfer und den Hobie Cat. Egal ob damals als Teen oder im Jahr 2015, Tom ist dem Strandleben treu geblieben und lebt seit 1990 mit seiner Familie in den Wintermonaten auf Fuerteventura.

Foto: Ute Hönscheid (links), Stefan Zotschew (rechts)
Links: Bereits in jungen Jahren lungerte Jürgen Hönscheid gemeinsam mit anderen Jungs an den Schwimmerkarren herum und lernte die großen Idole mit Heldenstatus nach und nach kennen. Sie studierten die Älteren und ihr Surfen und bauten sich die ersten „Floating Devices“ aus Luftmatratzen und Besenstielen, um mit diesen auch selbst im Stehen die Wellen zu surfen. Jürgen ist passionierter Surfer, aber auch ein Overall Waterman. Er war der erste deutsche Windsurfprofi und prägte als Weltcup-Teilnehmer die Windsurfszene in Deutschland wie kein anderer. Heute lebte er als Shaper auf Fuerteventura. Sein Buch „Mein Arbeitgeber ist der Wind“ ist absolut lesenswert.
Rechts: Draußen blies es mit neun Beaufort aus Südost. Die Wellen waren riesig, die Gischt der bis zu drei Meter hohen Wasserwände wurde von orkanartigen, schräg ablandigen Böen weggefetzt. Schon beim Aufriggen des 2,8-Quadratmeter-Segels wurde Jürgen klar, wie enorm die Kräfte an diesem Tag werden sollten. Dann passierte es: Jürgen schoss auf eine der größeren Wellen zu und setzte zum Sprung an. Er katapultierte sich meterhoch in die Luft und in Bruchteilen einer Sekunde knallte ihm das Segel auf den zur Orientierung verdrehten Kopf. Die nächsten Stunden sollten zu Höllenqualen werden. Den Kopf zwischen den hochgezogenen Schultern fixierend konnte er zum Strand zurückfahren. Hier eilte er zu seinem Wohnmobil und schnitt sich mit einer Schere aus dem Wetsuit. Kollege Jens Krause brachte ihn ins Krankenhaus, wo er sich zu den Wartenden in die Röntgenabteilung gesellte. Man erwartete von einem aufrecht in die Klinik gehenden Surfer keine gravierende Verletzung. Das Röntgen wurde zur nächsten Qual, da er seine Schultern im Schutzreflex immer hochzog. Erst mit einem Wasserkanister in jeder Hand war es möglich, eine Aufnahme zu machen. Nach der Auswertung des Bildes änderte sich die Stimmung in der Nordseeklinik schlagartig. „Nicht mehr bewegen!“ – Jürgen landete mit drei gebrochenen Halswirbeln in einem Vakuumbett und der SAR-Rettungshubschrauber flog ihn durch den Orkan nach Hamburg.

Foto (links oben bis rechts unten): Sven Hoffmann, Claudia Kleemann, Sven Hoffmann, Brian Boysen, Jonn Rübcke
Links oben: Markus Mager, Surf-Club-Präsident. Zu Markus gibt es viele Geschichten – wo soll man anfangen? Bei seinen unzähligen Erfolgen bei lokalen Surf- und Windsurf-Contests? Oder bei der Liebe und Hingabe zu einem Verein, den er nie wollte? Markus ist Familienvater, World Traveler, Handwerker und Brett-Talent. Auch im gesetzten Alter steckt er noch viele Surfer im Lineup in die Tasche. Er punktet, egal ob bei zerblasenem Nordwest-Surf auf dem kurzen Brett oder mit viel Weitsicht beim Longboardfestival in Kampen. Der fitte Mager ist aus dem Lineup am Westerländer nicht wegzudenken.
Mitte & unten: Rückblick auf den Brandenburger Strand im Jahr 1984. Markus Mager mit voller Haarpracht im Trim & Glide. Die Flunderbuhne nördlich vom Hauptstrand sollte in den kommenden Dekaden noch unglaubliche Peaks zum Vorschein bringen. Hier trafen sich die rund 30 Core Surfer, die Sylt in dieser Zeit vorzuweisen hatte. Die Haare und die Zeit im Ausland waren lang in dieser Zeit – sehr lang.
Rechts oben: Ken Hake, Mitbegründer der BLP.
Rechts mitte: Ken, Backside Snap an der „Badezeit“, Westerland 2008.
Unten: Ken Hake und Tino Steinborn riefen Mitte der neunziger Jahre die BLP Crew als Vereinigung von Minishreds ins Leben. „Schabernack“ wäre untertrieben und „dummes Verhalten“ nicht der richtige Ausdruck. Die Zeiten waren wild und zwei bis drei Vorstrafen hatte diese Crew durchaus auf dem Kerbholz. Im Jahr 2000 schaute Tino an der französisch-spanischen Grenze für einige Zeit durch Eisengitter in die Freiheit. Auf Sylt wurden sie trotzdem nicht zu forsch, Respekt untereinander spielte damals wie heute immer eine große Rolle. Das Bild zeigt drei der Sylter BLP-Kids in Frankreich (v. l. n. r.): Sascha Frank, Tom Surtmann, Alex Hille.

Fotos: Sven Hoffmann (links), Holm Löffler (rechts)
Links: Jens Volquardsen, Brett-Talent mit endlosem Potenzial.
Rechts: Der Pöbel trifft sich in Westerland, Wenningstedt bleibt core. Jens Volquardsen logoless und effortless im Bottom Turn. Jedes Jahr, wenn sich die Sandbänke neu untereinander aufteilen, ist der Beach Break auch für die Geübten eine Herausforderung. Eine 7’4” Mini Gun von Tich Paul aus Südafrika dient hier vor der malerischen Kulisse des Roten Kliffs in Kampen, Ecke Wenningstedt als gelungenes Motiv für diese Momentaufnahme.

Fotos: Nann Nauke Jaschinski (links), Sven Hoffmann (rechts)
Fin Drath Johnsen, Motocrosser, Speedfreak und immer mit viel Power unterwegs. Der Enkel von Uwe Drath gehört zu den Farewell-Surfern, die jedes Jahr mehrere Monate in Indonesien überwintern.

Fotos: Thomas Kluetsch (links), Sven Hoffmann (rechts)
Marc Thomsen. Der Jüngste der Jüngsten begann bereits mit sechs Jahren zu surfen. Vernarrt aufs Wasser und begeistert von den Surfern nörgelte er so lange, bis Frau Mama ihn in einer Surfschule anmeldete. Sein Mut und sein sicherer Stand auf dem Board machten ihn schnell heiß auf größere Tage. Schon mit acht Jahren surfte er die Wellen schräg ab und hatte keine Angst vor überkopfhohen Wellen. Gemeinsam mit seinem Freund Aljoscha Buchholz gewann er schnell das Vertrauen der Schwimmer an den Stränden von Rantum und so bekamen die beiden fortan verschiedene Bretter zum Testen vor die Füße. Sie surfen so ziemlich alles – egal wie klein die Wellen oder wie windig die Bedingungen auch sind.

Foto: Karsten Kossowski
Zum späten Nachmittag am 12. Oktober 2013 erlebte Sylt die saubersten und größten Wellen seit langem. Im Süden Sylts, im „South of Heaven“, erwischte Lars Kossowski dieses perfekte Zusammenspiel der oft unberechenbaren Elemente. Ein satter Swell, die richtige Tide und eine lange Wellenperiode machten diesen Tag unvergessen.
Mehr über die aktuelle Ausstellung „Surf + Strand Kultur Sylt“ im Rathaus Westerland erfahrt ihr hier.
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Fotos: Siehe Bildunterschrift
Text: Angelo Schmitt
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