Sonntagslektüre: SYLT - 60 Jahre Surfen in Deutschland (Teil I)

Sonntagslektüre: SYLT - 60 Jahre Surfen in Deutschland (Teil I)

Um es gleich vorwegzunehmen: 60 Jahre Sylter Surfgeschichte auf 20 Seiten festzuhalten, ist uns verdammt schwergefallen und nahezu unmöglich. Es gibt einfach zu viele Jungsurfer, die mit dem Surfen auf Sylt begannen und dann ganze Generationen prägten.

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Dieser Artikel erschien im Blue Yearbook #15. Gedruckt lesen sich solche Storys immer noch am besten. Yearbooks vergangener Jahre, die wir noch auf Lager haben, kannst du ganz bequem in unserem Online Shop kaufen.

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Ebenso wenig können wir all den unzähligen Geschichten, die diese Insel so besonders machen, gerecht werden. Deswegen haben wir uns auf folgenden Seiten auf Surfer fokussiert, die Sylt in den vergangenen Jahren mitgeprägt haben und zudem Mitglieder im Surf Club Sylt sind. Der Surf, der auf die Sandbänke vor der Sylter Küste bricht, könnte schlechter nicht sein. Das galt schon 1955 und ist im Jahr 2015 nicht anders. Wenn die Surf-Pioniere damals das Brechen der Druckwellen hörten, rannten sie an den Strand, um die Bedingungen in Augenschein zu nehmen. Heute reicht ein Blick auf diverse Wetterkarten oder ein Klick auf die lokale Webcam, um sich ein Bild von den Wellen zu machen. Aber wer denkt, dass Sylts Bänke oft feuern, liegt daneben: Strömung, teils böiger Wind, Dreckswellen ohne viel Schulter – das sind leider zu oft die tatsächlichen Parameter, mit denen sich ein Wellenreiter auf Sylt konfrontiert sieht. Sylt ist und bleibt ein mieses Surfrevier mit überbewerteten und inkonstanten Wellen, die den Launen der Natur ausgeliefert sind. Dennoch, die Menschen, die Sylt ihr Zuhause nennen, blicken auf 60 Jahre interessante Surfgeschichte zurück.

Vielen der einheimischen Surfer ist der ganze Surf-Hype völlig egal. Auf ihrer Insel wurde schon immer gesurft, ganz egal welche Bretter gerade im Trend lagen, welche Länge der Bart hatte oder wie fundiert das Surfwissen war.

Mit viel Respekt an die älteren Generationen prägte die „4 Letter Island“ im hohen Norden einzigartige Charaktere und noch spannendere Geschichten vom Strand. Die ersten Anfänge in Tauchanzügen oder ganz ohne Neopren auf pfeilgeraden Rettungsbrettern ohne Wax und Finne bleiben genauso in Erinnerung wie der Surf-Stoke, den alle Sylter Surfer haben, wenn sie an ihren Sandbänken die seltenen guten Tage erwischen.

Oben: Uwe Draht auf einem Board für Rettungseinsätze | Unten: Rettungsschwimmer am Hauptstrand in Westerland (Archiv der Familie Draht)

Die Pioniere der 50er Jahren

Vor Sylt ist im Sommer 1955 zum ersten Mal gesurft worden. Grund dafür waren die ersten Rettungsbretter, die Anfang der fünfziger Jahre auf die Insel kamen. Es waren die Beach Boys um Uwe Drath, die es wagten, sich mit den über drei Meter langen Holzplanken in die Brandung der Nordsee zu stürzen. Fortan richtete sich das Hauptaugenmerk der Sylter Surfer auf den Westerländer-Strand und zwar den Hauptstrand direkt vor dem 1903 erbauten „Hotel Miramar“. Der damals 28-jährige Uwe Drath war hier der Erste, der sich ein Rettungsbrett schnappte, um damit zu surfen – ohne Leash, Wax oder die blasseste Vorstellung vom Take-off. Drath wollte seinem Kurschatten und den touristischen Schönheiten imponieren und surfte vor staunender Kulisse die ersten Wellen in Deutschland. 

Heiligabend am Hauptstrand, die Boards wurden kürzer und die ersten Surfboard aus Biarritz. (Behrens Archiv)

Gründung des Surf Club Sylt in den 60ern

Im Jahr 1966 gründete Uwe Behrens den Surf Club Sylt. Als Vereinsheim diente zunächst ein umgebauter Stall in Tinnum und später die damalige Milchkurhalle in Westerland am Hauptstrand. Dies war die Stunde null des Wellenreitens in Deutschland. Schon bald orderten die vom Surfvirus infizierten Rettungsschwimmer Uwe Behrens und Klaus Tamble ihre ersten richtigen Surfboards in Biarritz. Die heiß ersehnte Ware traf im Sommer 1967 auf der Insel ein. Kurze Zeit später fanden auch die lang ersehnten Neoprenanzüge, die Uwe und Klaus direkt bei Jack O’Neill in Santa Cruz bestellt hatten, ihren Weg auf die Insel. Fortan traf sich eine kleine Szene von Rettungsschwimmern unweit der „Badezeit“, um die verschiedenen Bretter zu surfen. Nach jahrelangem Rumgeglitsche auf den sperrigen Rettungsbrettern war das der ersehnte Durchbruch: richtiges Wellenreiten vor Sylt. Auf der Suche nach anderen surfbaren Nordseewellen startete die Surfclique um Uwe Behrens, Jürgen Hönscheid und Claus Butter erste Exkursionen nach Hvide Sande in Dänemark. Außerdem reiste man regelmäßig nach Biarritz, um weitere Boards nach Sylt zu holen. 

Tom und Chrischan wachten mehr als 15 Jahre gemeinsam über Rantums Strände und drückten sich auf die allerfeinste Art und Weise vor dem Dienst an der Waffe.

Wettkämpfe in den 70ern

Mitte der siebziger Jahre fand am Strandabschnitt Seenot der erste internationale Brandungswettkampf im Windsurfen vor Westerland statt. Dieser Vorgänger des Windsurf World Cup wurde von Jürgen Hönscheid in der Disziplin Brandungssurfen gewonnen. In der Folge wurde das Windsurfen immer populärer und Westerland sollte in den kommenden Jahren den wichtigsten Tourstopp im Windsurf World Cup darstellen, der hier seit 1984 ausgetragen wird. Jürgen Hönscheid prägte diese Ära enorm und eröffnete im Winter 1976/77 zusammen mit Thomas Herz in Westerland den „Surf Shop Sylt“. Aus Kalifornien importierten sie Sport- und Spaßgeräte wie Hängegleiter, kleine Strandcats, Strandsegler und auch Skateboards. Damit wurde auch das Rollbrettfahren auf Sylt zunehmend populärer und es ist erstaunlich, welche Parallelen man zwischen dem jungen Shop-Skateteam von Jürgen Hönscheid und dem von Skip Engblom gegründeten Zephyr-Team im fernen Kalifornien ziehen kann. Sowohl Jürgen als auch Skip waren surfende Shop-Besitzer, die beide in ihren Skateteams Core Surfer vereinten. Sowohl im fernen Kalifornien als auch in Good Old Germany fielen die Fahrer dieser Teams bei den Skate-Contests durch ihren aggressiven „Surf-Style“ auf. Sie shreddeten den Asphalt mit Cutback-Turns und Slides, als würden sie Wellen schlitzen. Solche Moves hatten weder die Skater auf dem deutschen Festland noch die urbanen Skater Amerikas zuvor gesehen. 

Rückblick auf den Brandenburger Strand im Jahr 1984. Markus Mager mit voller Haarpracht im Trim & Glide. (Claudia Kleemann)

Skater der 80er

Die Sylter Rettungsschwimmer-Cliquen trafen sich in den Wintermonaten in allen Ecken der Welt wieder und kehrten pünktlich zur Sommersaison zurück auf die Insel. An den Stränden von Westerland sah man nur vereinzelt Surfer im Lineup. Die Szene war klein und überschaubar und traf sich regelmäßig an der Kante im benachbarten Wenningstedt. Dies war auch die Zeit, in der die „Radical Brothers“, ein Kollektiv von vier Dudes aus Westerland, Kai Krüger, Knud Behrens, Stefan Lüderitz und Markus Mager, ihrem Namen alle Ehre machten. Sie rissen die Holzpaletten der Strandübergänge ab, um daraus Halfpipes zu bauen. In diesen skateten sie auf hohem Niveau, beherrschten die kritischsten Manöver und waren auch auf dem Wasser ihrer Zeit weit voraus.

Fin Drath Johnsen, Motocrosser, Speedfreak und immer mit viel Power unterwegs. (Nann Nauke Jaschinski)

90er: Die ersten und letzten deutschen  Meisterschaften

Die junge Garde der frechen Sylter nahm die Flunderbuhne am Brandenburger Strand unter Beschuss und verteidigte den Lineup auf ihre ganz eigene Art und Weise. Nach den „Radical Brothers“ kam nun mit der BLP Crew eine weitere Surfcrew an den Strand. Da es aber nahezu keine anderen Surfer auf der Insel gab, hatte sich die ursprüngliche Idee von „Local Power“ schnell erübrigt. Aber wer es als Neuling wagte, ohne ein freundliches Moin an den Peak zu paddeln, wurde zurück an den Strand geschickt – ab und an auch auf die unsanfte Tour. 1994 veranstaltete der DWV die ersten deutschen Meisterschaften im Wellenreiten am Strandabschnitt Sansibar im südlichen Rantum. Die Idee war gut, aber die einheimischen Surfer zeigten wenig Respekt für den damaligen DWV-Präsidenten Norbert Hoischen und seine Mannschaft. Odin, oberster Gott der Germanen und mitverantwortlich für heimische Wellen, bescherte Sylt an diesem Wochenende wieder einmal miese Bedingungen. Nach dem Auftakt und einer desaströsen Abschiedsparty kam der DWV nie wieder nach Sylt.

Zum späten Nachmittag am 12. Oktober 2013 erlebte Sylt die saubersten und größten Wellen seit langem. (Karsten Kossowski)

Die Jahrtausendwende im Surfen

Mit dem Vormarsch der Wellenvorhersagen im World Wide Web war die Idylle unter Freunden im Sylter Lineup schnell passé. Der Surf-Hype kam vom Festland und die Strände und Peaks in Westerland wurden zunehmend voller. Surfen wurde hip und viele Tagestouristen versuchten, das kurze Zeitfenster zu erwischen, in denen Wellen und Wind perfekt zusammenpassen. Zugleich lernten die neuen Nachwuchssurfer aus dem Internet in „How to“-Tutorials die neuesten Moves und hielten so ihr Trickrepertoire auf dem aktuellen Stand. Passionierte Surfer wie Tim Schubert und Martin Hoppe zogen vom Festland auf die Insel, um hier Fuß zu fassen und öfter in den Genuss der wenigen guten Sylter Surftage zu kommen. Unweigerlich wurde es durch diese Entwicklungen an den verschiedenen Surfspots auf Sylt deutlich voller. Auch das wachsende Interesse am Surfen führte im Jahr 2008 dazu, dass der Surf Club Sylt als Interessenvertretung aller einheimischen Surfer „reanimiert“ und neu gegründet wurde.

Aktuell

Surfen ist auf Sylt eine fest etablierte und von unterschiedlichsten Generationen gelebte Passion. Dies zeigt nicht nur die Tatsache, dass die Gemeinde dem Surf Club Sylt den Bau eines eigenen Clubhauses am Brandenburger Strand ermöglicht. Von List bis Hörnum sieht man heute so viele junge Surfer im Wasser wie nie zuvor. Und selbst im Winter, wenn sich die Luft- und Wassertemperaturen im einstelligen Bereich bewegen, füllt sich der Lineup bei guten Bedingungen mit Surfern aller Generationen und Gesellschaftsschichten. Die Surfbedingungen vor der nördlichsten Insel Deutschlands haben sich seit 1955 nicht verändert, aber heute ist der Surf-Stoke auf der Insel – 60 Jahre nach den ersten Surfversuchen von Uwe Drath – so hoch wie nie zuvor.

Mehr über die aktuelle Ausstellung „Surf + Strand Kultur Sylt“ im Rathaus Westerland erfahrt ihr hier und die Fotostory zu Sylt 1955 haben wir ebenfalls für euch digitalisiert. 

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Fotos: Siehe Bildunterschrift
Text: Angelo Schmitt

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