Lena Kemna ist als die erste deutsche Big Wave Surferin bekannt, beschäftigt sich allerdings abgesehen vom Forecast auch mit vielen anderen Themen. Wir haben uns mit ihr über Surfen, Freediving, ihre beiden Dokufilme und soziale Netzwerke unterhalten.
Während ihr zweiter Dokufilm HER WAVE gerade mit der Surffilmnacht in deutschen Kinos zu sehen ist, beginnt Lena selbst gerade ihre dritte Saison in Nazaré. Seit 2024 trainiert sie dort und lernt nicht nur, lawinengleiche Wellen zu stehen, sondern sich auch selbst jedes Mal näher kennen.
Ihren ersten Film, LENA, könnt ihr euch am Ende des Interviews anschauen.
Wie bist du auf Big Wave Surfen gekommen? War das bereits deine Idee, als du mit dem Surfen angefangen hast, oder kam das erst nach und nach?
Direkt von Anfang an mochte ich das Gefühl von großen Wellen. Ganz klein im Meer zu sein, oft alleine, in stürmischen Konditionen, und der Drop, der einen lebendig fühlen lässt.
Ich wusste irgendwie immer schon, dass der Weg zum Big Wave Surfen führt. Und das hat er dann auch, ganz graduell.
Das Gefühl ist auch eigentlich gleich geblieben, nur die Größe der Wellen hat sich über die Zeit verändert.
Was bedeutet Big Wave Surfen für dich? Du sprichst es im Film an “living a life so safe I can seek danger”. Vielleicht hast du damit auch etwas anderes gemeint, aber letztlich ist Surfen in Monsterwellen, ja noch mal eine Ecke gefährlicher. Wie steht’s um das Gefühl von Freiheit, das ja eigentlich mit dem Surfen einhergeht, beim Big Wave?
Ich mag es einfach sehr. Genau dieses Gefühl, in der Natur zu sein, in diesen extremen Bedingungen. Und ich glaube, es gibt kaum etwas, wo das Gefühl stärker ist als zwischen diesen Wellen, die mehr Bergen gleichen. Diese Lautstärke, diese unglaubliche Energie.
Ich mag auch den Teamaspekt, die ganze Logistik dabei, die Safety und Rescue. Ich mag das alles so sehr.
Und es ergibt irgendwie alles einen Sinn, auch weit über das Surfen hinaus. Oder zumindest fühlt es sich so an, wenn man spürt, es zieht einen nach draußen. Ich glaube, jeder, der Natursport macht, oder egal was macht, was sie oder er sehr gerne tut, wird das nachvollziehen können. Und ich glaube, die, die es nicht haben, denen kann man es kaum mit Worten erklären.

Lena in Nazaré | Foto: Tim Bonython
Du erwähnst in der Intro, dass es kein Happy End bei Her Wave gibt. Es geht allerdings auch nicht schlecht aus (Applaus für deine Sessions!), wie müsste deiner Meinung nach ein echtes Happy End aussehen?
Danke, und ja, ihr habt recht.
Die Wellen sind riesig gewesen, fantastisch. Und das hat mich auch wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht und bringt es immer wieder, wenn ich den Film bei Screenings sehe.
Zu Anfang der Saison war ich auf Professionalisierung aus. Ein eigenes Team, eigenes Equipment, Garage, alles. Das hat nicht geklappt, trotz hunderter Arbeitsstunden an Plänen, Pitches und Organisation. Das war erst einmal eine Niederlage.
Aber mittlerweile erkenne ich, dass es ein unglaubliches Privileg ist, diese Wellen überhaupt erleben zu dürfen, und das tue ich weiterhin, immer wieder.
Daher: Alles kommt zu seiner Zeit, Schritt für Schritt.
Du träumst von einem Frauen-Team fürs Big Wave Surfen. Wie sieht’s aus in der Community? Siehst du Chancen?
Ich bin dran. Und es wird passieren!
Wann und wie, weiß ich noch nicht genau, aber es gibt viele Schritte in die richtige Richtung. Aber dadurch, dass es so extrem teuer ist, ist der Weg nicht geradlinig. Und das habe ich mittlerweile verstanden und gelernt, zu respektieren.
Letzten Sommer habe ich ein intensives Jetski-Training in Brasilien gemacht, viel davon mit Maria Fernanda, Kamerafrau im Wasser von HER WAVE, aber auch Jetski-Fahrerin. Wir haben bereits angefangen, gemeinsam in Portugal zu trainieren.
Ich trainiere daher mit vielen, Frauen wie Männern, verbessere mich selbst und verliere dabei das Ziel nie aus den Augen, den Nordstern sozusagen, navigiere dabei aber auch die Wellen.
Lena im Hafen ihrer Wahlheimat Nazaré | Foto: Editorial Lena
Wie bist du zum Freediven gekommen? Ich schätze, bei Wipe-outs in Nazaré ist das ein dickes Plus!
Ein riesiges. Das Unterwassersein ist tatsächlich gar kein Problem für mich. Meine Lunge und mein Luftanhalten sind deutlich stärker als alles, was Nazaré mir bisher abverlangt hat.
Ursprünglich bin ich zum Freediven gekommen, weil ich Apnoe-Training auf dem Trockenen gemacht habe, speziell fürs Surfen. Und dann bin ich so ins Freediving gestolpert, und es wurde über die Zeit genauso wichtig für mich. Erst Tiefe, dann Freediving in Höhlen. Ich habe dieses Jahr sogar eine Wettkampfsaison im Pool-Freediving gemacht und wurde Vize-Champion in Portugal.
Freediving, mittlerweile auch auf einem recht ernsthaften Level, gibt mir sehr viel, mindestens genauso viel wie Big Wave Surfen. Auch erfahre ich die Freediving-Kultur in vielerlei Hinsichten als positiver als im Surfen: weniger Ego, weniger toxisch. Da flüchte ich mich immer wieder hin, wenn alles zu laut wird.
Wie sieht es bei Spots dieser Art mit Localism aus? An sich, sind die Crowds wahrscheinlich eher klein. Aber worauf muss man sich einstellen, wenn man als Deutsche im Line-up von Nazaré auftaucht?
Man muss ihn respektieren, und das tue ich. Dabei sind tatsächlich die Jetski-Fahrer bzw. das gesamte Safety-Team ein großer Faktor. Ich arbeite nun das dritte Jahr mit Nazaré Jet zusammen. Die kommen aus Nazaré und haben sich ihren Namen dort verdient. Und sie sind menschlich auch angenehm, vernünftige Menschen, was absolut nicht die Regel ist.
Abgesehen davon bin ich aber jemand, der sich aus der sonstigen Surfkultur mittlerweile sehr viel raushält. Sowohl in Portugal als auch in Deutschland erfahre ich da viel zu viel Negatives, was mir oft schon den Spaß am Surfen geraubt hat. Mir geht es um das Naturerlebnis. Alles drumherum navigiere und toleriere ich, bin da aber auch gerne abseits für mich.
Adrenalin pur in den XXL-Wellen von Nazaré | Foto: Maria Fernanda
Dein erster Film “Lena” wirkte wie eine Doku im realistischen Stil, die dich auf deinem Weg begleitet. Das ist auch bei “Her Wave” der Fall, allerdings wirkt der Stil eher experimentell, im Vergleich sogar ein bisschen düsterer. Wie ist es zu der Entwicklung gekommen?
Ich glaube, es waren der Mut und die Freiheit, dem eigenen Stil treu zu bleiben. HER WAVE ist experimentell, düster. Die Wellen sind stark, laut, rau. Man fühlt sich beim Zuschauen vielleicht verloren, weiß nicht, wo die Reise hingeht. Er springt zwischen deutschem Rap, Englisch und Portugiesisch. Genau diese Komplexität, dieses Paradoxe wollten wir zeigen, denn genau so ist meine Realität dort.
Und das ist ein Film, der definitiv nicht allen gefällt. Aber denen, die sich darauf einlassen, dafür umso mehr.
Du gibst viele Denkanstöße, unter anderem auch zu Themen, die nichts mit Surfen zu tun haben, was ich super interessant finde. Eines der Themen, die du ansprichst, ist die aktuelle Realität, in der wir leben – “entertaining ourself to death, glued to our phones …” – und letztlich mittendrin zu sein. Wie ist das, wenn man ja eigentlich Sportlerin ist, aber letztlich ohne all das praktisch keine Mittel hat? Vor kurzem wurde sogar dein Account gehackt und du musstest deine Präsenz auf Social Media praktisch wieder von Neuem aufbauen. Hast du da auch mal drüber nachgedacht, es ganz sein zu lassen (die Medien, nicht Surfen ;) )?
Ja, ständig.
Ich hatte mich ohnehin schon von Instagram wegbewegt bzw. mich breiter, tiefgründiger aufgestellt. Vieles davon erwähne ich im Film noch als Intuition, als Bauchgefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, hier in unserer Zeit mit unserem Umgang mit Online.
Und dann, als mein Account auf einmal unrechtmäßig von Meta durch KI suspendiert wurde, war es wie ein Tritt vom Universum, vieles davon zu konkretisieren und meinen Fokus und meine Energie auf andere Dinge zu legen.
Ich hole trotzdem noch einmal etwas aus, denn die Ambivalenz geht weiter:
Einerseits habe ich das Privileg, nicht komplett darauf angewiesen zu sein. Und ich muss dazu auch einmal erwähnen, dass keiner meiner Sponsoren – G-SHOCK, ION, Asus und caremare – die Zusammenarbeit beendet hat, als mein Account weg war. Das ist schon erstaunlich.
Es basiert darauf, dass ich mich schon lange auf mehr fokussiere als nur auf Instagram. Egal ob Filme, LinkedIn oder jetzt auch ein Podcast („Tiefgang mit Lena Kemna“). Die Partnerschaften sind längst nicht auf Instagram begrenzt, sondern ich fühle mich als gesamte Person in der Zusammenarbeit gesehen. Das schätze ich sehr.
Andererseits habe ich über 10 Jahre Berufserfahrung im Marketing, habe einen Doktor in dem Bereich und arbeite zurzeit hauptsächlich als Speakerin. Dabei verbinde ich meine beiden Welten aus extremen Bedingungen im Meer mit Leadership-Insights. Und zurzeit gefällt mir das richtig gut, genau so, wie es ist.
Dementsprechend ist es für mich zurzeit kein Nein zu Social Media, aber trotzdem ein sehr starkes Andersmachen, und weiterhin eher eine Bewegung davon weg.
So sieht es aus, wenn sich das harte Training auszahlt | Foto: Maria Fernanda
Deine 3. Saison in Nazaré geht gerade erst los. Was hast du dir für dieses Jahr vorgenommen? Und wird es einen dritten Film geben?
Es wird keinen dritten Film geben! Und da atme ich auch erst einmal tief durch.
Einmal habe ich vor, all diese Themen, die ich im Film anspreche, die Ambivalenz zu Social Media und Content Creation, nun einmal zu leben, so, wie es sich zu 100 % richtig anfühlt. Und das bedeutet für mich ganz konkret: Der Fokus liegt auf Training, Surfen, Erleben. Bilder einzufangen ist da sekundär, wenn nicht sogar tertiär.
Ich möchte mich diese Nazaré-Saison verbessern, mehr im Wasser sein, weniger am Computer und weniger Energie in das ganze Drumherum stecken.
Und ich freue mich extrem darauf.
Eines Tages wird es vielleicht noch einmal einen Film geben, aber erst dann, wenn ich wieder Energie und Elan dafür gesammelt habe, und dann gerne in Feature-Länge.
Vielen Dank für deine Zeit und toi, toi, toi für diese Saison! Wir sind gespannt :)
Danke, ich bin es auch.
Credits:
Interview: Giulia Parise
Fotos: Tim Bonython, Maria Fernanda




